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Reportage

Ein bizarrer Konflikt tobt um die »Landshut«, die im Terror-Herbst ’77 entführt wurde und seit einem Jahr in Friedrichshafen steht. Es geht um das Gedenken – und um Geld und Geltung.

erschienen in: Seite Drei, Süddeutsche Zeitung (November 2018)

Im Hangar auf einem Flughafen am Bodensee hat David Dornier einen der wichtigsten Zeugen der deutschen Nachkriegsgeschichte eingelagert. Dornier stemmt die Flugzeugtür auf, sie klemmt. Die Landshut ist ein Wrack. Von außen ist das Flugzeug verwittert, innen notdürftig ausgeleuchtet. David Dornier, 58, die Hemdsärmel hochgekrempelt, biegt nach rechts ab, er tastet sich ins Cockpit. Als er sich in den Pilotensitz quetscht, knirscht es. Viele Steuerknöpfe sind abgebrochen, der analoge Funk ist noch ganz. Dornier dreht dran, bis die Zahlenreihe auf 7-0-0-0 einrastet. „Die Notfallfrequenz“, sagt er. „Wie damals.“

  Die Landshut war ein Ferienflieger, ehe palästinensische Terroristen im Oktober 1977 den Lufthansa-Flug LH 181 von Mallorca nach Frankfurt am Main kaperten, um Andreas Baader und Gudrun Ensslin aus der JVA Stammheim freizupressen. Fünf Tage hielten sie die Maschine in ihrer Gewalt. Sie flogen nach Rom, Dubai, Aden in Jemen, wo der Anführer der Entführer den 37-jährigen Piloten Jürgen Schumann im Gang knien ließ, um ihn mit einem Schuss in den Kopf zu ermorden.

  Schließlich landete das Flugzeug, gesteuert nur noch vom Copiloten Jürgen Vietor, in Mogadischu, wo die GSG 9 die Geiseln befreite. Ihre Kugeln trafen den Anführer der Terroristen exakt dort, wo Dornier gerade sitzt, im Cockpit.

  David Dornier, der Direktor eines kleinen Familienmuseums in Friedrichshafen, hat das Wrack zurückgeholt. Er will ein Exponat aus der Landshut machen, ein Symbol für den Sieg des Rechtsstaats, der sich nicht von Terroristen erpressen ließ. Gut ein Jahr ist das her, alle berichteten von der zweiten Rückkehr der Landshut nach Deutschland, vierzig Jahre nach der ersten. Diesmal kam sie von einem Schrottplatz in Brasilien zurück, wo sie rostete.

  Im Museumsshop verkauft David Dornier schon Jutebeutel und Kugelschreiber mit Landshut-Aufdruck. Aber: Gerade erst hat er den Start der Ausstellung verschieben müssen. Auf das Jahr 2022. Wenn nicht wieder was dazwischenkommt.

  Ein paar Kilometer entfernt vom Dornier-Museum, im Friedrichshafener Rathaus, regiert der parteilose Oberbürgermeister Andreas Brand von einem dieser Büros aus, für die mal der Begriff der Amtsstube erfunden wurde. Getäfelte Wände, getäfelte Decke, ein Raum so groß wie ein Apartment. Brand, 54, trägt Anzug und sagt: „Die Landshut gehört nicht hierher. Sie nach Deutschland zu holen, mag zwar gut sein, aber Friedrichshafen ist der falsche Ort.“

  In der Stadt haben sie schon eine fliegende Ikone: den Zeppelin, benannt nach seinem Erfinder Graf Ferdinand von Zeppelin. Der starb, bevor die Nazis seine Luftschiffe instrumentalisierten; bevor sie den LZ 129 losschickten, die Hindenburg, die 1937 ein Jahr nach ihrer Jungfernfahrt verbrannte. Bei dem Feuer starben 35 Menschen, es war das Ende der Luftschifffahrt.

  Andreas Brand verwaltet dieses Erbe. Als Oberbürgermeister ist er auch Chef der Zeppelin-Stiftung. Die hält fast alle Anteile der ZF Friedrichshafen AG, eines Automobilzulieferers mit einem Umsatz von 36 Milliarden Euro. Das Unternehmen schüttet jährlich eine Dividende an die Stiftung aus, in diesem Jahr gut 200 Millionen Euro. Mit diesem Geld fördert die Stiftung in seiner Stadt den Wohnungsbau, das Klinikum, die Musikschule, ein Pflegeheim. Alles im Namen des Luftschiff-Pioniers. Die Friedrichshafener sind dankbar für den Reichtum, den der Graf hinterlassen hat: Vor dem Rathaus speit ein gehörnter Hybrid aus Mensch und Zeppelin Wasser in einen Brunnen. Gut 1500 Menschen studieren ein wenig außerhalb an der Zeppelin-Universität. Es gibt die Pilsbar Graf Zeppelin, den Fanfarenzug Graf Zeppelin, den Tanzverein Graf Zeppelin. Natürlich betreibt die Stiftung auch ein Museum, um den Pionier zu ehren – in Konkurrenz mit dem Museum von David Dornier.

  Bisher war es so: Brands Zeppelin-Museum am Hafen besuchten jedes Jahr etwa 250 000 Menschen. In David Dorniers Museum am Stadtrand kamen etwa 125 000. Bald könnte es anders sein, bald könnten sich die Touristen entscheiden müssen. Gehen sie ins Zeppelin-Museum oder lieber ins Dornier-Museum mit der neuenLandshut-Ausstellung?

  Andreas Brand steht vor einem Dilemma. Einerseits müsste er sich als Bürgermeister einer Kleinstadt freuen, dass das Dornier-Museum aufrüstet. Seine Stadt wird für Touristen so nur interessanter. Andererseits muss Brand als Stiftungsvorsitzender das Erbe von Zeppelin schützen. Ist das gefährdet, wenn das womöglich spannendste Exponat der Stadt im Dornier-Museum steht? Was ist verlockender, der Nachbau der Hindenburg oder das Original derLandshut – eine Maschine, von der Brand glaubt, dass sie keinen Bezug zu Friedrichshafen hat.

  David Dornier sitzt in seinem Büro, und jedes Mal, wenn auf dem Flugplatz nebenan eine Maschine landet, unterbricht er das Gespräch, kneift die Augen zusammen, lauscht. „Eine Dornier DO 328“, sagt er. Er erkennt sie am Klang. Fragt man ihn, was die Landshut in Friedrichshafen verloren hat, sagt er, es habe mal diesen RAF-Anschlag auf ein Dornier-Werk gegeben, 1986, nebenan in Immenstaad. Außerdem habe der Konzern Dornier Flugzeuge für die Lufthansa gebaut. Es sind Bezüge, die sich wahrscheinlich zu vielen Städten konstruieren ließen. Warum also die Landshut hier, im Dornier-Museum?

  David Dornier legt die Hände in den Schoß und sagt: „Der Herbst ’77.“ Im Fernsehen sah der Junge die Bilder der Flugzeugentführung. Er war 15, seine Mutter war im Sommer gestorben. Ihn quälten Verlustängste. Er projizierte sie auf die Geiseln. Und er hatte gerade erfahren, dass der Name seines Vaters Silvius auf Todeslisten der RAF gefunden wurde, am Bodensee hingen Fahndungsplakate. Eine erdrückende Zeit, sagt er. Das ist der eine Teil der Geschichte: die persönliche Erinnerung an den Sieg über den Terror.

  Nach der Schule zog David Dornier nach Stuttgart, machte eine Ausbildung als Industriekaufmann, arbeitete in den USA für eine Lastwagenfirma. Dort kam er zum Fliegen, machte den Pilotenschein. In Deutschland zerstritt sich die Familie über die Firma. Sie verkaufte den Dornier-Konzern 1985, da hatte er 12 000 Mitarbeiter, an die Daimler-Benz AG. Es war das langsame Ende des Flugzeugbauers Dornier. Um das Erbe der Firma zu erhalten, wollte die Familie ein Museum bauen. Besonders David Dorniers Vater Silvius und Bruder Cornelius drängten darauf. Sie investierten rund 40 Millionen Euro, 2009 eröffneten sie das Museum. Das ist der zweite Teil der Geschichte: Es geht um Geld.

  Das Dornier-Museum kostet die Familie eine halbe Million Euro im Jahr. Sie versuchen seit Langem, die Stadt zu überreden, finanziell zu helfen. Die hat aber schon beim Bau des Museums rund 800 000 Euro überwiesen, 2016 dann noch mal 200 000 Euro für das Nebengebäude, in dem David Dornier heute sein Büro hat. Als ihn die Familie im Frühjahr 2017 zum neuen Direktor des Firmenmuseums bestimmt, gibt sie ihm eine Botschaft mit: Entweder du reißt das Ruder rum – oder das Museum hat keine Zukunft.

  David Dornier will das Museum retten. Tradition verpflichtet. Besonders, wenn es um die eigene Familie geht. Er hat die Hände hinter dem Kopf verschränkt und erzählt, wie das begann mit derLandshut – und sich zeigte, dass er sie in eine Stadt holt, in der er offenbar der Einzige ist, der sie dort haben will.

  Am Morgen des 15. März 2017 hat David Dornier eine Idee. Er liest in der Zeitung, dass die Konkursmasse der brasilianischen Airline TAF versteigert werden soll. Darunter ein ausrangiertes Frachtflugzeug, das mal für die Lufthansa geflogen war. Die Landshut. Eine Delegation des Bundeskriminalamts sondierte in Brasilien die Lage. Man hätte gern das Seitenruder für die GSG-9-Kaserne in St. Augustin. Das Haus der Geschichte in Bonn hätte gern eine Tür. Der damalige Außenminister Sigmar Gabriel hätte es gern, wenn die Landshut in einem Stück nach Deutschland käme.

  Und David Dornier fragt sich: Was wäre, wenn die Landshut bei mir landet?

  Die Landshut, denkt er, wäre genau das Richtige, um zum Amtsantritt als Museumsdirektor „eine Rakete zu zünden“. Dornier ruft im Auswärtigen Amt an, sicherlich hilft der Name, mit dem er sich meldet. Er bekommt sofort einen Termin.

  Friedrichshafen begeht zu der Zeit den 100. Todestag von Graf Zeppelin, Oberbürgermeister Brand legt einen Kranz nieder. Ein paar Tage später wird er wiedergewählt. Ein Wahlversprechen war der Bau eines Zeppelin-Museumsquartiers. Von der Landshut ahnt er da noch nichts.

  David Dornier sichert dem Auswärtigen Amt zu, ein Grundstück neben dem Museum an den Bund zu spenden. Er würde den Hügel darauf ebnen und eine Halle bauen lassen. Einziges Problem: Geld habe er keines. Das Auswärtige Amt verspricht, sich zu kümmern. Das Haus der Geschichte in Bonn hat gerade abgesagt, ein ganzes Flugzeug passt dort nicht in die Räume. Bleibt David Dorniers Museum in Friedrichshafen. Die Zeit drängt. Man will die Maschine unbedingt zum 40. Jahrestag der Befreiung am 19. Oktober 2017 in Deutschland haben. Spätestens. Am besten noch vor der Bundestagswahl im September. Die Landshut, eine hübsche Trophäe für den neuen Außenminister Sigmar Gabriel.

  Also trifft sich Dornier mit Andreas Brand im Rathaus. Er erzählt ihm, dass er die Landshut herholen wird. Dornier rechnet mit einem Besucheransturm – und damit, dass Brand sich freut. Gut für Friedrichshafen, gut für den Tourismus. Das Motto der Stadt: „Seeblick mit Weitsicht“. Brand aber antwortet mit dem Satz, den er seitdem wiederholt: „Die Landshut gehört nicht hierher.“ Er hört zum ersten Mal von der Idee, dieses Flugzeug nach Friedrichshafen zu holen. Als alles schon entschieden ist. Er fühlt sich übergangen.

  Das Auswärtige Amt hat das Wrack der Landshut da schon für 20 000 Euro Schrottwert gekauft. Sigmar Gabriel kommt nach Friedrichshafen. Wahlkampftermin. Er besucht auch das Dornier-Museum, den zukünftigen Ausstellungsort der Landshut. Oberbürgermeister Brand lässt sich entschuldigen. Er ist gerade auf dem Weg in den Sommerurlaub. Von Arizona aus telefoniert er mit Gabriel. Er sagt ihm, was er mit dem Gemeinderat besprochen hat: Sie sehen keinen Bezug zwischen der Stadt und der Landshut. Nur weil die Dorniers im Museum ihre Familienflugzeuge ausstellen, hat doch die Landshut dort nichts zu suchen. Verbieten können Brand und die Gemeinderäte die Rückholung aber weder Sigmar Gabriel noch David Dornier. Und so halten sie es mit dem schwäbischen Sprichwort: Wer bestellt, bezahlt. Bestellt hat David Dornier, bezahlen soll der Bund. Es ist der letzte Kontakt zwischen Andreas Brand und dem Außenministerium.

  Am 23. September 2017 sorgt sich David Dornier wegen des Windes über Meckenbeuren. Es stürmt an diesem Tag. Es dauert, bis eine Antonow 124, eines der größten Frachtflugzeuge der Welt, ihren Anflug über die Nachbargemeinde Meckenbeuren starten kann. 5000 Menschen sind auf dem Flugplatz Friedrichshafen, viele filmen mit ihren Smartphones, wie die Antonow auf der Landebahn ausrollt, ihre Nase aufklappt und den Blick freigibt auf die Fracht in ihrem Bauch: die Landshut. Mitarbeiter der Lufthansa bauen ihr eine Rampe. Sie ziehen das kleinere Flugzeug aus dem größeren, ein Kran wuchtet dieLandshut auf einen Lastwagen, der Lastwagen fährt sie zum Hangar, im Hangar steht sie bis heute.

  Jürgen Vietor ist an diesem Tag gekommen, er flog 1977 dieLandshut weiter, als die Terroristen den Piloten Schumann erschossen hatten. Gabriele von Lutzau ist da, eine Stewardess, die sich an Bord der entführten Maschine so um die Passagiere gekümmert hatte, dass die Presse sie „Engel von Mogadischu“ taufte. Zwischen ihnen winkt David Dornier in die Kameras, an seinem Sakko ein Button: „Landshut – Willkommen zu Hause.“ In Friedrichshafen, dieses Signal konnten sie nach außen senden, freut man sich über die Rückkehr. Dornier trägt den Button bis heute.

  Oberbürgermeister Andreas Brand hingegen schwänzte die Ankunft der Landshut. Fragt man ihn nach dem Warum, antwortet er: „Ich erkläre nur Termine, die ich auch wahrnehme.“ Befürchtet er, dass dieLandshut zu einer Attraktion wird, die seinem Museum Konkurrenz macht? „Es geht nicht um Konkurrenzdenken.“

  Seit die Landshut angekommen ist, vergiften Gerüchte das Verhältnis von Brand und Dornier. So heißt es etwa, das Dornier-Museum lasse seine Finanzen ausgerechnet von der Kanzlei von Graf Albrecht von Brandenstein-Zeppelin regeln, der gerade die Zeppelin-Stiftung verklagt hat. Ein Ruhestörer, so sehen sie das im Rathaus. Der Erbe hält es für unrechtmäßig, dass die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg die Stiftung auf die Stadt übertrugen. David Dornier bestreitet jede Verbindung, seine Familie habe sich immer aus dem Streit zwischen der Stiftung und dem Zeppelin-Erben herausgehalten.

  Es heißt auch, Andreas Brand habe David Dornier angeboten, ihm gern mit Geld auszuhelfen – wenn er dafür die Trägerschaft seines Museums aufgibt und ins neue Museumsquartier umzieht. Andreas Brand sagt, das seien Spekulationen.

  Im Frühjahr 2018 präsentieren Angela Merkel, Martin Schulz und Horst Seehofer ihren Koalitionsvertrag. In Zeile 7324 steht: „Wir wollen Mittel bereitstellen u. a. für die Ausstellung des Flugzeugs ‚Landshut‘ im Gedenken an die Entführung im Jahr 1977.“ Der Satz steht im Kapitel zur Außenpolitik, die Delegation um Sigmar Gabriel muss ihn hineinverhandelt haben. Fünf Millionen Euro bekommt David Dornier vom Bund, um eine Ausstellung erarbeiten zu lassen. Noch mal fünf Millionen, um die Ausstellungshalle bauen zu lassen. Darüber hinaus schließt der Bund aus, das Dornier-Museum zu fördern. Es liegt also weiterhin an David Dornier, das Geld für die Rettung des Museums aufzutreiben. Er wirbt in Berlin und hofft noch immer auf Friedrichshafen, auf die Einsicht von Oberbürgermeister und Gemeinderat.

  Im Wrack der Landshut leuchtet er mit seinem Handy in die Dunkelheit. Er hält sein Handy vor die abgewetzte Innenwand. Man könnte sie wieder in Beige tapezieren, darunter der graue Teppich. Man könnte wieder die Sitze mit den gelben Polstern einbauen, wie damals. Wenn es nach David Dornier geht, soll es so aussehen wie am 13. Oktober 1977, vor der Entführung.

  Nach der Entführung flog die Landshut noch Jahrzehnte weiter. Erst als Passagierflugzeug, zuletzt als Frachtflugzeug einer brasilianischen Airline. 2008 wurde sie ausgemustert, stand auf dem Flughafen von Fortaleza am Atlantik. Die Luft war salzig, Rost fraß sich in die Maschine. Dornier hat auch die Flügel der Landshut im Hangar einlagern lassen. Er fährt mit seinem Finger über die Spitze. Metallspäne bröseln auf den Boden.

  Dornier sagt: „Ach, das kriegen wir schon hin.“

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