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Reportage

Tag für Tag demonstriert Franz Bröker vor der chinesischen Botschaft in Berlin. Warum tut er das?

erschienen in: Die Zeit (Juni 2019)

Aus einiger Distanz betrachtet er das Kunstwerk, das er geschaffen hat. Jahre hat er gebraucht, bis sich die einzelnen Teile endlich zum großen Ganzen gefügt haben: dem perfekten Demo-Stand, am perfekten Demo-Ort, direkt vor dem Brandenburger Tor.

Auf den Plakaten, die sich an diesem Samstag über Franz Bröker entspannen, sieht man Blut aus fein gesetzten Schnitten fließen. Bröker, der früher einmal Drucktechnik studiert hat, hat lange am Design gefeilt. Hat unterschiedliche Hängungen und Schattierungen ausprobiert, bis er die grausigste Wirkung seiner Poster gefunden hat: Ärzte mit Mundschutz greifen in geöffnete Brustkörbe. Die geborgenen Organe versehen sie mit Preisschildern. Ein Herz für 140.000 Euro. Darüber steht:

»Folterlager mit Organraub in ganz China«

»A crime never seen on this planet before«. Ein Verbrechen, wie man es auf diesem Planeten noch nicht gesehen hat.

Unter den Plakaten führt eine Handvoll Menschen Übungen auf, die aussehen wie Kung-Fu in Zeitlupe. Sie schweigen. Aus Boxen leiert fahrstuhlhafte Zen-Musik. Es wirkt alles sehr schräg. Franz Bröker macht einen zufriedenen Eindruck.

Normalerweise hätte ich einem demonstrierenden Rentner in erdfarbenen Jeans, der mir einen Flyer in die Hand drücken will, kaum Beachtung geschenkt. Die Poster-Hochhalter, die Wachtturm-Verteiler, die Auf-Kisten-Steher gibt es schließlich in jeder deutschen Stadt, zu jedem Thema, gegen Fleisch, für Jesus, gegen die Durchgangsstraße, ich sehe da nie so genau hin.

Aber Franz Bröker und seine Kung-Fu-Leute konnte ich auf Dauer nicht übersehen. Jeden Tag, wenn ich auf dem Weg von der Arbeit an der Jannowitzstraße in die U-Bahn stieg, standen sie auf dem Bürgersteig gegenüber der Chinesischen Botschaft. Bei jedem Wetter, bei Regen, bei Hitze.

Irgendwann wich meine Skepsis der Neugier: Was wollten diese Menschen?

Also nahm ich einen Flyer mit. Es ging um Falun Gong: eine Meditationstechnik aus China, deren Anhänger in Geheimgefängnisse verschleppt und dort ihrer Leber und Nieren beraubt würden. Auf dem Flyer stand eine Telefonnummer. Ich rief an. Es meldete sich: Franz Bröker.

Er protestiere, erklärte er mir, seit elfeinhalb Jahren gegen dieses staatliche Verbrechen, einige Mitstreiter seien noch länger dabei. Mehr als 6000 Tage haben sie schon vor der Botschaft verbracht.

Franz Bröker, 65 Jahre alt, versteht sich als eine Art Anwalt der etwa 1000 Falun-Gong-Praktizierenden in Deutschland. Dass sie täglich vor der Botschaft stünden, sei für ihn Pflicht. Die Kür aber, das sei die samstägliche Demo am Brandenburger Tor. Dort müsse ich einmal vorbeikommen.

Das Brandenburger Tor ist gewissermaßen das Filetstück der Berliner Demo-Orte: Wer hier entlangschlendert, muss nirgends hin. Das ist der Vorteil, die Leute haben Zeit. Der Nachteil: Wer sich einen schönen Tag machen will, lässt ihn sich ungern mit Bildern blutiger Organe verderben.

Es ist ein Samstagmittag im März, am Tag zuvor waren hier noch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und die »Fridays for Future«-Erfinderin Greta Thunberg aufgetreten, 20.000 Menschen hatten ihnen zugejubelt. »Ich hätte da früher bestimmt auch mitgemacht«, sagt Franz Bröker. Heute wundere er sich allerdings schon ein bisschen, dass so eine globale Bewegung, »quasi über Nacht« entstanden sein soll. Ob da wirklich nur die jungen Klimaaktivisten dahinterstecken? »Wer organisiert das?«, fragt Bröker mit der Skepsis von einem, der viel erlebt hat in sechs Jahrzehnten.

Von Greta geht eine Energie aus, die Menschen überall auf der Welt fasziniert, auch mich. Vor Franz Bröker dagegen erschrecken die Leute: Zu seinen Füßen liegen Kränze, die Gesichter und Namen einfassen. Es sind, erklärt er mir, Falun-Gong-Anhänger, die in Gefängnissen starben. »Einzelschicksale – das interessiert die Passanten«, sagt er. Seit er das erkannt hat, hat er immer ausgedruckte Erfahrungsberichte von Verfolgten vorrätig an seinem Stand.

Einer von Brökers Mitstreitern eilt zu ihm. »Ich brauch Spanisch!«, ruft er. Bröker bückt sich. In einer Plastikbox bewahrt er Flyer in Fremdsprachen auf: »Hier: einmal Spanisch! Und füll gleich mal ein paar Mandarin auf, im Aufsteller sind keine mehr!«

Franz Bröker, dessen Lebensthema die illegale Organentnahme in China ist, hat selbst keinen Spender-Ausweis, weil er nicht glaubt, dass Ärzte seinen Tod zuverlässig feststellen würden. Er ist damit Teil eines Problems: Weltweit werden zu wenige Organe gespendet. Wer verzweifelt ist und es sich leisten kann, fliegt ins Ausland, etwa nach China. Dort gibt es genug Organe. Auch wenn deren Herkunft ungeklärt ist, bezahlen deutsche Krankenkassen die Nachsorge – auch auf die Gefahr hin, sagt Bröker, dass Niere oder Leber von einem getöteten Falun-Gong-Anhänger stammen. Diese Praxis will er stoppen. Am liebsten per Gesetz, wie in Israel. Oder wenigstens den »Organtourismus« nach China unter Strafe stellen, wie in Taiwan oder Großbritannien.

Im Mai dieses Jahres war Franz Bröker dabei, als im Ausschuss für Menschenrechte ein chinesischer Falun-Gong-Aktivist aussagte. Wenn die Verfolgung von Minderheiten in China thematisiert werde, sagt Bröker, gehe es immer um Tibeter. Seit Neuestem auch um die Uiguren. Um Falun Gong, sagt er, gehe es eigentlich nie. Der Auftritt im Bundestag sei deshalb ein großer Erfolg, findet er. Aber sein Kampf geht weiter. Er stand mit seinen Flyern vor dem Kongress der Deutschen Transplantationsgesellschaft, vor dem Außenministerium, und einmal hat er eine chinesische Delegation vorm Roten Rathaus abgepasst. »Die haben ganz schön blöd geguckt«, sagt er.

Falun-Gong-Mitglieder gelten in China als Staatsfeinde. Sie werden von der Polizei verprügelt und verhaftet. Der Anführer der Bewegung, Li Hongzhi, wurde im Laufe der Neunzigerjahre zu einer Art spirituellem Popstar, zunächst weder von der chinesischen Regierung noch von Franz Bröker groß beachtet. In einem Land, das immer weniger Bürgern eine ordentliche Gesundheitsversorgung garantierte, versprach Hongzhi auf großen Bühnen die Heilung Kranker. Als die Zahl seiner Anhänger mit 70 Millionen die Mitgliederzahl der Kommunistischen Partei überstieg, schritt die Regierung 1999 ein: mit dem Ziel, Falun Gong zu beseitigen.

Am Demo-Stand blättert eine Frau, Mitte vierzig, in den Broschüren. »Sehr, sehr schlimm«, sagt sie. Brökers Petition unterschreibt sie trotzdem nicht. »Wegen Datenschutz«, erklärt sie. Auf dieses Argument ist Bröker vorbereitet. Er zieht ein Infoblatt der Datenschutzgrundverordnung hervor. »Ich verspreche Ihnen, ich werde Ihnen im Nachhinein keinen Kühlschrank andrehen«, sagt er. Die Frau muss lachen. Sie unterschreibt.

Bröker grinst. Für nachhaltigen Protest, so er sieht er das, müssen er und seine Mitstreiter sorgen. Die Politik interessiere das Thema Falun Gong immer weniger, je mächtiger China werde. Nicht einmal Amnesty International oder andere Organisationen nehmen die Sache ernst, sagt Bröker. Die jagten Themen ein paar Wochen durch ihre »Marketingmaschine« und würden sie dann wieder vergessen. Also investiert er sein gesamtes Geld und seine gesamte Zeit in den Protest. Er war seit vier Jahren nicht im Urlaub. Er würde ja seine Demo verpassen.

Franz Bröker lebt in einer großen Altbauwohnung in Kreuzberg, wo Altkommunarden, Punks und Studenten der Gentrifizierung mit ihrem »Ich brauch nicht viel und will nicht viel«-Leben trotzen. Einer wie Franz Bröker, der seine Zeit damit verbringt, im Café zu sitzen und zu überlegen, ob er lieber mit dem Fahrrad in den Plänterwald fährt oder ein neues Element für seinen Demo-Stand erfindet, fällt da nicht weiter auf.

Er hat einen dieser uralten Mietverträge, von denen in Berlin alle träumen. Dass er nur eine kleine Rente bekommt, macht also nichts: »Ich muss wohnen. Ich muss essen. Ich muss mir ab und zu neue Schuhe kaufen. Das reicht.« Seine Miete hat sich das letzte Mal bei der Währungsumstellung von D-Mark auf Euro geändert.

Es gibt in seinem Leben auch niemanden, der rumnörgeln könnte, dass Franz Bröker so viel Zeit in den Protest investiert. »Ich wohne als Einsiedler«, sagt er. Eine Freundin habe er nicht – obwohl da »einiges an ihn herangetragen« werde, wie er betont. Er sieht sich als »Mönchstyp«. Was andere in Beziehungen erleben, sagt er, erlebe er mit sich selbst in der Meditation.

Die Menschen, die an diesem Samstag mit ihm demonstrieren, sind unter anderem ein deutscher Ex-Hippie, ein Vietnamese, der einst als Gastarbeiter in die DDR kam, und vier Exilchinesen, die vor der Verfolgung geflohen sind. Die seien wichtig für die Authentizität, sagt Bröker. Bloß sprechen sie kaum Deutsch und müssen interessierte Passanten an ihn und die anderen übergeben. Dann sind da mehrere Mitarbeiter der Epoch Times , einer Art Zentralorgan von Falun Gong, das von Verfolgten der Bewegung in New York gegründet wurde. Die deutsche Ausgabe erscheint nur online. Sie ist bekannt dafür, dass sie auch Fake News verbreitet, die gern von Rechtspopulisten geteilt werden.

Wie kommt Bröker ausgerechnet zu Falun Gong und dazu, für eine verfolgte Minderheit in China zu demonstrieren? Könnte er sich nicht besser für Schulsanierungen in Kreuzberg auf die Straße stellen? Gegen Tierversuche? Für die Enteignung von Wohnungsunternehmen? Nein, Schule, Tiere, Wohnen, das ist alles zu weltlich. Das Weltliche liegt Franz Bröker nicht so sehr.

Seine Suche nach Spiritualität begann in den Siebzigern. Er war nach West-Berlin geflohen, um der Wehrpflicht zu entgehen. In seiner WG, erinnert er sich, habe jemand das Buch Ganz entspannt im Hier und Jetzt auf dem Küchentisch liegen lassen, über spirituelle Selbsterfahrung in Indien. Bröker las es an einem Abend durch. In seinem Zimmer machte er, was er für meditieren hielt: Er schloss die Augen und horchte in sich hinein. Und fühlte zum ersten Mal in seinem Leben Gewissheit: Er musste nach Indien. Anfang der Achtzigerjahre schloss er sich dort in einem Meditationszentrum in Pune der Bhagwan-Bewegung an, bis die sich irgendwann wegen interner Machtkämpfe selbst zersetzte.

Zurück in West-Berlin, machte er seinen Taxischein. Ein freundlicher Hippie, der in seiner eigenen Welt lebte. Den Mauerfall bekam er erst mit, als sich nachts einige Ostberliner zum Ku’damm fahren lassen wollten. Nach der Wende studierte Bröker Drucktechnik, gründete eine Werbeagentur und verlor alles wieder, als um die Jahrtausendwende die New Economy crashte. Politik und Wirtschaft interessierten ihn weiterhin nicht, China schon gar nicht. Alles änderte sich kurz vor Silvester 2007.

Da stieß Bröker im Internet auf Falun Gong. Ihm gefiel, dass es den Anhängern verboten ist, Geld mit der Praxis zu machen – anders als damals bei Bhagwan. Er las weiter: von der Verfolgung dieser Gruppe, die ihn so faszinierte. Von der Propaganda der chinesischen Regierung, die vermeldete, Falun Gong sei eine Sekte, deren Mitglieder Kinder fräßen. Gegen die Schmähung »Sekte« kämpft Bröker bis heute.

Das Landgericht Leipzig urteilte 2005, Falun Gong habe »den Charakter einer neureligiösen Sekte mit sehr hierarchischen Anhängerstrukturen«. »Harmlos«, sagt hingegen Christian Meyer, wenn man ihn nach Falun Gong fragt. Meyer forscht seit Jahren zu Religionen und religiösen Bewegungen in China, zurzeit an der Freien Universität Berlin. Typisch für eine sogenannte »Sekte« – etwa Scientology – sei es, Anhänger zu bestrafen, die sich abwendeten. Das gebe es bei Falun Gong nicht, sagt Meyer.

Dass an den Anschuldigungen gegen die chinesische Regierung dagegen etwas dran ist, dafür gibt es durchaus Indizien: 2006 legten die kanadischen Menschenrechtler David Kilgour und David Matas den UN erstmals Indizien dafür vor, dass die enorme Zahl von Organtransplantationen in China mit der Verfolgung der Falun-Gong-Anhänger zusammenhängen könnte. Für ihren Bericht wurden sie für den Friedensnobelpreis nominiert.

Franz Bröker bekommt keine Anerkennung, er macht trotzdem immer weiter. Er hat Li Hongzhi, den Gründer von Falun Gong, nie getroffen. Aber er hat alle seine Schriften gelesen. Und in einer steht: Ihr sollt die Welt über die Verfolgung aufklären. Also tut Franz Bröker das. Er sagt, vor zehn Jahren habe vielleicht jeder Zehnte mal einen Flyer mitgenommen. Mittlerweile, so schätzt er, sei es jeder Dritte. Heute scheint eher ein Tag wie früher zu sein.

Bröker sieht das gelassen. Ihm ist jetzt wichtig, dass ich noch eine Falun-Gong-Übung ausprobiere. Die gebe »richtig Power«, sagt er. Ich stelle mich breitbeinig auf den Vorplatz des Brandenburger Tors und bekomme Fo Zhan Qian Shou Fa gezeigt, den »Buddha, der tausend Hände ausstreckt«. Ich stehe also unter den blutigen Plakaten und imitiere ungelenk Brökers kreisende und lineare Bewegungen. Spirituell regt sich gar nichts in mir. Bröker beruhigt mich: Er habe auch ein Jahr gebraucht, bis er die Wirkung gespürt habe.

Dann kommt ein Tourist in kurzer Hose auf den Demo-Stand zu. Er kniet sich hinter eine Anhängerin, die links neben mir im Sitzen meditiert, und zeigt ihr Hasenohren. Seine Freunde johlen und fotografieren. Bröker bleibt entspannt. »Die Fotos landen im Internet, und dort sehen sie Tausende.« Er findet: Je mehr Bilder es vom Protest gibt, desto mehr müssen sich die Leute dafür interessieren. Viel hilft viel.

Als die Sonne rot in den Fenstern des Hotel Adlon gegenüber schimmert, beginnt Franz Bröker, den Stand abzubauen. Wird nach fast zwölf Jahren Protest nicht irgendwann aus Hartnäckigkeit Frust? Nein, sagt Bröker. »Wenn unsere Sache einmal ganz groß in der Weltöffentlichkeit ankommt, ist Schluss mit der Verbrecherbande in China.« Als Beweis dient ihm das Ritual, mit dem er jeden Demo-Tag beendet: Bevor er in den blauen Lieferwagen steigt, läuft er den Vorplatz des Brandenburger Tors ab. Nicht einen einzigen weggeworfenen Flyer habe er jemals gefunden.

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