Schweigen nach dem Brand

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Reportage

Bei einem Anschlag auf ihr Gemeindehaus in München sterben im Februar 1970 sieben Juden. Erst 50 Jahre später gedenkt die Stadt erstmals der Opfer.

erschienen in: Die Zeit (Februar 2020)

Zum ersten Mal seit dem 13. Februar 1970 besucht Josef Wilfling wieder den Ort, an dem er seine ersten Toten sah. Im Münchner Glockenbachviertel, zwischen Holzschmuckgeschäften und Secondhand-Möbelläden, biegt er in einen Hauseingang ein.

Wilfling ist heute 73 Jahre alt, damals war er ein junger Bereitschaftspolizist. Er und seine Kollegen waren gerufen worden, weil es im Gemeindehaus der Israelitischen Kultusgemeinde brannte. In den oberen Stockwerken befand sich ein Altenheim, im Hinterhof die Münchner Hauptsynagoge. Im Treppenhaus des Gemeindehauses entdeckten Wilflings Kollegen einen Kanister; offenbar hatte jemand das Feuer gelegt. Die ganze Nacht über war Wilfling am Ort. Am nächsten Morgen führte er einen alten Rabbiner durch das Gebäude, in dem er nun wieder steht und sagt: »Hier lagen die Toten. Sie sahen aus wie abgebrannte Streichhölzer.«

Unten im Hausflur hängt hinter Glas eine kleine Tafel. Darauf wird derer gedacht, die in dieser Nacht ums Leben kamen: Die Hutmacherin Rivka Regina Becher, 59 Jahre alt. Max Meir Blum, 71, ein pensionierter Kürschner, der erst im Jahr zuvor aus New York zurück nach München gezogen war. Der 69-jährige Arie Leib Leopold Gimpel. David Jakubowicz, 59, ein ehemaliger Gastwirt, der auf gepackten Koffern saß, um seine Schwester in Israel zu besuchen. Das Paar Rosa Drucker, 60, und Eliakim Georg Pfau, 63. Und der gehörlose Siegfried Offenbacher, 71, der es liebte, in seiner Wohnung zu tanzen, weil er mit den Füßen die Schwingungen der Musik auf dem Holzboden spürte. Diese sieben Menschen, Überlebende des Holocaust, wurden Opfer eines der schwersten Anschläge auf jüdisches Leben in der Geschichte der Bundesrepublik.

Trotzdem war die Tat lange Zeit so gut wie vergessen; bis heute ist sie wenig bekannt. Nachdem der Rechtsextremist Stephan Balliet am 9. Oktober 2019 in Halle nur von einer Sicherheitstür davon abgehalten wurde, in einer Synagoge Dutzende Juden zu töten, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ein solcher Anschlag sei für ihn »unvorstellbar« gewesen – als hätte es die toten Juden in der Reichenbachstraße nicht gegeben. Vor zwei Jahren war Steinmeier in München, um den Gedenkort für die während der Olympischen Spiele 1972 von palästinensischen Terroristen ermordeten israelischen Sportler einzuweihen. »Gemeinsam erinnern und öffentlich erinnern an diesem Ort – das heißt auch: sich bekennen«, sagte er damals.

Was in der Nacht vom 13. Februar 1970 in München geschah, lässt sich mithilfe der polizeilichen Ermittlungsakten detailliert rekonstruieren. Wer die Tat verübt hat, ist indes bis heute ungeklärt.

Gegen 20.50 Uhr betritt ein Unbekannter das Gebäude. Er hat einen in braune Pappe gewickelten Kanister bei sich, 40 Zentimeter hoch, 23 Zentimeter breit und tief, mit einem Fassungsvermögen von 20 Litern. Er nimmt den Aufzug in den vierten Stock, verkeilt die Tür und gießt das Benzin ins Treppenhaus. Dann fährt er wieder nach unten und entzündet die Flüssigkeit. Das Feuer schießt das hölzerne Treppenhaus hinauf und verbreitet sich binnen Sekunden. Max Meir Blum ist der erste Tote. Er springt aus dem Fenster seiner Wohnung und stirbt beim Aufprall. Die übrigen sechs versuchen, sich über das Treppenhaus zu retten. Sie ersticken am Rauch oder verbrennen in den Flammen.

Noch in der Nacht richtet die Polizei München eine Sonderkommission ein. Die Bundesregierung, die bayerische Staatsregierung, die Stadt München und der Axel-Springer-Verlag loben gemeinsam eine Belohnung von 50.000 D-Mark für Hinweise aus, die sie bald auf 100.000 D-Mark erhöhen. Politik und Strafverfolgung wollen zeigen: Es ist uns ernst.

In den folgenden Tagen tragen sich Hunderte Münchner in ein Kondolenzbuch in der Synagoge ein. Der Bundestag legt eine Schweigeminute ein. Papst Paul VI. schickt ein Beileidstelegramm an den Münchner Erzbischof. Die Stadt München, der Freistaat Bayern und die Bundesregierung kündigen eine Million Mark für den Wiederaufbau des Gemeindehauses an.

Zur Trauerfeier auf dem Israelitischen Friedhof reisen Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD) und Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) an. Auch Heinz Galinski, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, ist da. Der Münchner Rabbiner Hans Isaak Grünewald warnt vor einer Rückkehr des gewalttätigen Antisemitismus. Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel sagt: »Über unserer Stadt liegen dunkle Schatten.«

Vogel wird später zweimal Bundesminister, Kanzlerkandidat der SPD und Regierender Bürgermeister von Berlin. Heute lebt er, 94 Jahre alt, in einer Seniorenresidenz im Münchner Westen. Bevor man ihn zum Anschlag in der Reichenbachstraße befrage, sagt er, möge man bitte sein Buch über seine Jahre als Münchner Oberbürgermeister lesen. In Die Amtskette schreibt Vogel, dass »keiner der jüdischen Sprecher auf der Trauerfeier einen Vorwurf gegen die Stadt und ihre Bewohner äußerte«. Das habe ihn mit »Genugtuung« erfüllt. Die Ermittlungen hätten »keinerlei Anzeichen für politische Motive erbracht«.

Gefahndet hat die Polizei nach der Tat in verschiedene politische Richtungen: Sie durchsuchte die Münchner Geschäftsstelle der 1964 gegründeten NPD (Anfang 1970 saß die rechtsextreme Partei in sieben Landtagen). Sie befragte palästinensische Studenten und arabische Nationalisten, und sie nahm deutsche Linksextremisten ins Visier, die mit der PLO sympathisierten. Fündig wurde man nirgends. Schon am 18. Februar gab der Chef der Münchner Kriminalpolizei zu Protokoll: »Aufklären werden wir den Fall wahrscheinlich nicht.« Die Polizei ließ 15.000 Plakate mit der Bitte um Hinweise in sieben Sprachen drucken. Auch die Sendung Aktenzeichen XY… ungelöst brachte einen Beitrag.

Vogel spricht in seinem Buch von einem »pyromanen Einzeltäter«. Sieht er das 50 Jahre später noch immer so? »Ich habe mich auf dem Laufenden halten lassen, was die Ermittlungen angeht«, sagt er. »Sie wurden eingestellt, ohne dass herauskam, wer es war. Zweimal.« Tatsächlich hat die Bundesgeneralanwaltschaft den Fall 2013 noch einmal aufgenommen, nachdem ein Zeuge neue Angaben gemacht hatte. Die Ermittlungen führten in die linksextreme Szene, 2017 wurden sie wieder eingestellt, ohne Ergebnis.

Wenn es keinen Täter gibt, fehlt einer, auf den sich die Empörung lenken lässt. Einer, der eine klare Deutung des Tatmotivs erlaubt. Einer, den Staatsanwälte vor Gericht stellen können, um Recht und Gerechtigkeit walten zu lassen.

Der Bereitschaftspolizist Josef Wilfling sagt, er sei wegen des 13. Februar 1970 später zur Mordkommission gewechselt. Er half, die Morde an dem Schauspieler Walter Sedlmayr und dem Modeschöpfer Rudolph Moshammer aufzuklären. Die Mörder zu finden sei ein »schöner Erfolg« gewesen, sagt er. Angetrieben aber habe ihn etwas anderes: denen, die weiterleben, eine Antwort auf die Frage geben zu können, wer ihnen das angetan hat, wer die Täter waren.

Die Toten des Anschlags vom 13. Februar 1970 hatten keine Angehörigen. Wilfling glaubt, man hätte den Fall damals lösen können, hätte man intensiver ermittelt. Und wahrscheinlich, vermutet er, wäre das auch geschehen, hätte es Hinterbliebene gegeben, die öffentlich Druck gemacht hätten.

An der Fassade des Hauses in der Reichenbachstraße 27 hängt bis heute keine Gedenktafel. Im Stadtmuseum kommt der Anschlag nicht vor. Im Jüdischen Museum findet sich nur ein knapper Eintrag auf einem raumfüllenden Zeitstrahl zu 800 Jahren jüdischer Geschichte. Auf dem Israelitischen Friedhof erinnern weder eine Stele noch Gräber an die Toten. Keiner der sieben ist in München begraben. Es fehlt nicht nur jede Spur von den Tätern, sondern auch von der Tat selbst.

München tat sich lange Zeit schwer mit seiner Vergangenheit. Es dauerte Jahrzehnte, bis in der einstigen »Hauptstadt der Bewegung« ein Dokumentationszentrum zur NS-Geschichte entstand. Spät entdeckte man den Hitler-Attentäter Georg Elser. Und München ist – wenn auch aus ganz anderen Gründen – die einzige deutsche Stadt, in der keine Stolpersteine an die während der NS-Zeit deportierten Juden erinnern. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Charlotte Knobloch hatte sich dagegen ausgesprochen: Sie ertrage die Vorstellung nicht, dass tote Juden mit Füßen getreten werden.

Charlotte Knobloch, 87 Jahre alt, war Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses, sie stand dem Zentralrat der Juden in Deutschland vor, heute ist sie wieder Präsidentin der Kultusgemeinde in München – und steht unter Polizeischutz. Seit sie im Januar dieses Jahres im Bayerischen Landtag die AfD als verfassungsfeindlich bezeichnet hat und deren Abgeordnete daraufhin den Saal verließen, erhält sie täglich Morddrohungen. Wegen der Antisemiten von heute ist ein Polizeibeamter anwesend, wenn sie über die Antisemiten von damals spricht. Der Blick aus dem Fenster geht auf den imposanten Neubau der Ohel-Jakob-Synagoge; seit 2007 ist sie der Mittelpunkt des jüdischen Lebens in München.

Am Tag des Anschlags feierte ihre jüngste Tochter Kindergeburtstag, erzählt Charlotte Knobloch. Schockiert sei sie gewesen: Es wurden wieder Jüdinnen und Juden in München ermordet. Ihrer Tochter habe sie nichts erzählt, habe die Fassung vor ihr gewahrt, als sei nichts gewesen.

Innerhalb der Kultusgemeinde habe man das Andenken an den 13. Februar immer lebendig gehalten. Ansonsten sei von dem Anschlag und den Opfern bald kaum mehr die Rede gewesen, sagt Knobloch – anders als im Fall der 1972 ermordeten israelischen Olympia-Athleten, die gleichsam auf der Bühne der Weltöffentlichkeit starben.

Im vergangenen Jahr nun hat sich der Münchner Kabarettist Christian Springer vorgenommen, auch den Anschlag von 1970 wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Er hat dazu ein Handyvideo mit dem Titel Täter, redet endlich! ins Internet gestellt. Am Ende hält er seine Handynummer auf einem Stück Papier in die Kamera. Er finde es unerträglich, sagt Springer, dass wahrscheinlich noch immer Menschen in München leben, die etwas über den Brandanschlag wissen und nichts sagen.

Es gibt viele mögliche Gründe für dieses Schweigen – falls es denn noch Mitwisser gibt: Schuld, Feigheit, Verdrängen. Hinzu kommt, dass es um mehrfachen Mord geht. Mord und Beihilfe zum Mord verjähren nicht. Wohl auch deshalb hat Springer auf seinen Film hin keinen Hinweis bekommen.

Entmutigt hat ihn das nicht. Der Kabarettist hat bei der Stadt, bei den beiden großen Kirchen und beim Gärtnerplatztheater nahe der Reichenbachstraße um Unterstützung gebeten und Geld eingesammelt, einen niedrigen fünfstelligen Betrag. Davon hat er einen sechs Meter langen Container gekauft, den er in einen »mobilen Gedenkort« verwandelt hat. Vergrößerte Fotos aus dem Archiv der Feuerwehr bedecken die Außenwände, über einem prangt die Zeile »Hilfe, wir werden verbrannt!«. Springer hat sich sogar einen Kanister besorgt, ähnlich dem, der bei dem Anschlag benutzt wurde. Im Innern des Containers sind Texte zur Geschichte des Attentats ausgehängt. Am vergangenen Samstag, dem 8. Februar, wurde er vor dem Gärtnerplatztheater in Sichtweite zum Tatort aufgestellt, gut drei Wochen lang ist er dort nun zu besichtigen.

Christian Springer vermutet, dass die Täter aus der linksextremistischen Szene stammten, so wie im Fall des Brandanschlags auf das Jüdische Gemeindehaus in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg, der wenige Monate zuvor, am 9. November 1969, von der linksterroristischen Gruppe Tupamaros West-Berlin verübt worden war. Stützen kann er sich dabei auf die umfangreichen Recherchen des Historikers Wolfgang Kraushaar, der 2013 in seinem Buch »Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?« München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus etliche Indizien für einen linksextremen Hintergrund der Tat zusammengetragen hat. Beweise freilich konnte auch Kraushaar nicht erbringen. Als sicher kann nur eins gelten: dass antisemitischer Hass die Täter trieb, ob sie nun linksextreme oder rechtsextreme Terroristen waren, deutsche oder palästinensische.

Es ist nicht das erste Mal, dass Christian Springer einen Mörder sucht. Jahrelang verfolgte er die Spur des SS-Mannes Alois Brunner, eines engen Mitarbeiters von Adolf Eichmann und Mitorganisators der »Endlösung der Judenfrage«. Dutzendfach reiste er nach Damaskus, Brunners letztem bekannten Aufenthaltsort. Aufspüren konnte er ihn nicht. Doch die Geschichte, sagt er, habe ihm Mut gemacht.

Zum ersten Mal in 50 Jahren wird an diesem 13. Februar im Münchner Rathaus eine offizielle Gedenkfeier zum Anschlag in der Reichenbachstraße abgehalten. Das ist auch Springers Verdienst. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hält die Eröffnungsrede. Bayerns Kultusminister Michael Piazolo wird kommen. Hans-Jochen Vogel, der aus Gesundheitsgründen seine Seniorenresidenz nicht mehr verlässt, sagt, er werde »in Gedanken dabei sein«. Christian Springer selbst wird auf der Bühne eine Überlebende des Anschlags und den Feuerwehrmann zusammenbringen, der sie damals gerettet hat.

Auch die Hoffnung, noch etwas zur Lösung des Falls beitragen zu können, hat Springer nicht aufgegeben. An seinem Gedenkcontainer hat er einen Briefkasten für anonyme Hinweise angebracht. Außerdem steht er in Kontakt mit dem Landeskriminalamt und der Polizei in München. Er will herausfinden, ob die damals ausgesetzte Belohnung von 100.000 D-Mark noch gültig ist. Vielleicht könne das Geld etwaige Mitwisser ja doch noch dazu bewegen, ihr Schweigen zu brechen.

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