Was für ein Luxus

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Reportage

Winterurlaub im Nobelort Gstaad, ohne Hotel, ohne Geld, ohne Ski – kann das funktionieren?

erschienen in: Die Zeit (Februar 2019)

Der höchste Berg, mit dem ich aufwuchs, war der Bungsberg in meiner Heimat Schleswig-Holstein, gut 160 Meter hoch. Im Urlaub schleppten mich meine Eltern immer an die Ostsee, die nah war, oder in den Süden, der warm war. Alles super – aber ich war trotzdem irre neidisch auf die Nachbarskinder, die im Winterurlaub zum Skifahren in die Alpen reisen konnten. Wintersport, Berge und Luxuswelt, das klang für mich dreifach exotisch.

Weil Eltern einem den Rucksack fürs Leben packen, verreiste ich auch später nach ihren Vorstellungen. Jetzt aber will ich einen dreitägigen Kurztrip in den Schnee machen – um zu sehen, worauf ich da eigentlich neidisch war. Ausgesucht habe ich mir eines der edelsten Skidörfer der Welt: Gstaad in der Schweiz ist so nobel, dass ich es mir nur leisten kann, wenn ich campe. Das wird sicher kalt – andererseits soll Wintercampen sogar im Trend liegen.

Auf dem Campingplatz Bellerive, gut 15 Fußminuten vom Dorfkern Gstaad entfernt, stehen 35 Campingwagen. Zwei davon kann man mieten. Bethli Kohli, die so wunderbares Schweizerdeutsch spricht, dass ich oft nachfragen muss, arbeitet seit 30 Jahren auf dem Bellerive. Sie zeigt mir meinen Camper: Das Vorzelt ist mit dicken Teppichen ausgelegt und mit kitschigen Naturfotos dekoriert. Ich denke: So stellen sich Omas Gemütlichkeit vor. Zeitlos hässlich, aber irgendwie warm und nostalgisch.

Insgeheim hatte ich wohl erwartet, dass in einem Nobelort auch Campen luxuriöser wäre, aber die Küchenzeile und die Hängeschränke sind vor allem rustikal. Unbezahlbar dagegen: der Ausblick aus der Schlafnische auf die Berge, auf den Wasserngrat.

Ich spaziere ins Dorf, das schon deutlich mehr hermacht. Wegen einer lokalen Bauverordnung dürfen sie in Gstaad nur sogenannte Chalets bauen, Häuser, die wie riesige Kuckucksuhrengehäuse aussehen. Im Dorfkern verläuft zwischen diesen Chalets, in denen es auch Läden von Louis Vuitton oder Ralph Lauren gibt, und Restaurants, in denen ein Glas Champagner 30 Euro kostet, exakt eine autofreie Straße: das lokale Flaniermeilchen. Hier hoffe ich, eine mir bisher unbekannte Spezies zu sehen, den reichen Winterurlauber.

Für den wurde Gstaad einst gebaut. Ende des 19. Jahrhunderts hatte ein Feuer fast den ganzen Ort vernichtet. Das Dorf versuchte, sich am jungen Wachstumsmarkt »Fremdenverkehr« neu aufzurichten. Aus Bauern wurden Skilehrer, Gastronomen und Hoteliers. 1913 eröffnete auf einem Hügel über dem Ort das Palace, ein Schlösschen mit Erkern und Zinnen, damals wie heute eines der besten Hotels der Welt.

Wer es sich leisten konnte, fuhr in den folgenden Jahrzehnten nach Gstaad. Die Schauspieler Elizabeth Taylor und Roger Moore kamen zum Skifahren, Dodi Al-Fayed tröstete Lady Di hier nach ihrer Scheidung, der Playboy Gunter Sachs hatte ein eigenes Chalet.

Heute aber kann ich, so sehr ich auch Ausschau halte, keine Reichen erkennen. Viele Luxustouristen sind wohl weniger prominent, das Geld ist gesichtslos geworden. Wer es hat, versteckt sich bei diesen Temperaturen außerdem im Pelzkragen, huscht durch die Straßen und flieht dann wieder ins warme Chalet.

Wer als Promi gesehen werden wolle, sagt Frau Kohli vom Campingplatz später, der fahre nach St. Moritz; wer seine Ruhe haben wolle, komme nach Gstaad. »Bei uns gibt es eine Redensart: Egal, ob jemand arm ist oder hundert Millionen hat – auf der Toilette stinken alle gleich.«

Am ersten Abend in meinem Camper räume ich Eier, Brot und Müsli in die Einbauschränke, zum Abendessen mache ich mir eine Dose Kartoffeleintopf mit Würstchen auf. Ich stelle die Füße vor die Heizung, schalte den Fernseher ein und schaue mir an, wie Heidi Klum angehende Topmodels frierend durch den Schnee scheucht. Über der Abendunterhaltung und der Wärme im Camper beginne ich mich wirklich wohlzufühlen. Fast wie zu Hause.

Also lüfte ich noch mal, bevor ich schlafen gehe, und stelle die Heizung ab – so wie ich das auch zu Hause mache. Mitten in der Nacht erwache ich. Die Luft fühlt sich an wie Millionen eiskalter Dolche, die mir ins Gesicht sticheln. Als ich die Gasflamme endlich wieder zum Brennen bekomme, knackt die Heizung durchgehend. Ausgerechnet Gas, dieser bei falscher Anwendung todbringende Brennstoff! Hoffentlich überkommt mich gerade wirklich nur die Müdigkeit, und ich werde nicht vom Kohlenmonoxid eingeschläfert.

Ich überlebe die Nacht. Zum Frühstück brate ich mir ein paar Eier – ich muss mich stärken, heute soll meine Wintersport-Premiere sein.

Dafür habe ich mir den Hornberg-Run ausgesucht, laut Touristeninformation eine »gemütliche Abfahrt«, geeignet »für die ganze Familie«. Also auch für einen blutigen Amateur wie mich. Ski fahren kann ich nämlich nicht.

An der Talstation tragen alle bunte Skihosen, noch buntere Helme und Skibrillen. Ich trage meinen Schlitten, eine lange Unterhose, darüber eine Jeans und eine Winterjacke. Als wir auf 1800 Metern Höhe aus den Gondeln steigen, schnallen sich alle sofort ihre Ski unter. Was soll denn die Eile?, denke ich. Ihr habt doch alle einen Tagespass oder eine Flatrate oder sonst was! Ich dagegen habe erst mal nur eine Karte für eine einzige Abfahrt.

Die Strecke ist geteilt in eine Ski- und eine Schlittenpiste, die Menge teilt sich in alle und mich. So merkt wenigstens keiner, dass ich schon oben Schiss kriege: Aufsitzen und geradeaus fahren, das kenne ich vom Bungsberg in meiner Heimat. Der Hornberg aber ist elfmal so hoch, die Schlittenpiste deutlich steiler, nur ungefähr zwei, drei Meter breit – und sie hat Kurven. Eine richtige Abfahrt durch bewaldete Berghänge. Anfangs kann ich noch mit Schuhsohlen und Gewichtsverlagerung manövrieren. Dann kommt die erste echte Kurve. Ich sehe, dass es am rechten Streckenrand abwärts in die Böschung geht, schlage die Hacken in den Schnee, um zu bremsen, sinke zum Glück nur in den Tiefschnee am linken Streckenrand. Als ich mich ausgrabe, saust ein Vorschulkind auf seinem Schlitten freudeschreiend an mir vorbei.

Nach weiteren Stürzen sind meine Hosen durchnässt, meine Stiefel, selbst meine Haare. Ich friere und breche den Versuch »Wintersport« an der Mittelstation ab, fahre per Gondel ins Tal. Dass unten am Ausstieg zwei pubertäre Jungs auf mich zeigen und mir «Haaaaaahaaaa« hinterherschreien, akzeptiere ich ohne Gegenwehr.

Am Abend, zurück auf dem Campingplatz, suche ich den Kontakt zu Menschen, die mir freundlich gesinnt sind. Sollte auf einem Campingplatz ja kein Problem sein. Es läuft Fußball, also ziehe ich mit einem Sechserpack Bier los, um Nachbarn zu mir einzuladen. In den meisten Campingwagen brennt kein Licht, ich klopfe vergeblich. Bin ich schneller als der Wintercamping-Trend nach Gstaad gekommen?

Die wenigen Menschen, die mir an diesem Abend öffnen, suchen nach Ausreden. Sie haben gerade das Essen auf dem Herd, gleich kommt Besuch, sie sind müde vom Tag auf der Piste, und vor allem behaupten sie, sie seien keine Fußballfans. Also schaue ich die Partie eben alleine. Meine Mannschaft verliert.

Nach dem Spiel bedauere ich, dass es Dinge gibt, die mein Körper nun mal tut. Schwitzen etwa, sodass man ihn waschen muss, und Ausscheiden. Fließendes Wasser gibt es im Camper nicht. Ich muss die Stiefel schnüren, mich in die Jacke wickeln und zum Waschraum laufen. Die Nächte in Gstaad sind minus 20 Grad kalt, der Weg fühlt sich an, als schwömme ich durch Eiswasser zwischen zwei warmen Inseln.

Am nächsten Morgen finde ich, dass ich mir nach dem Wintersport-Fiasko etwas gönnen darf. Einen Tag Wellness. Tatsächlich gibt es in fast jedem Gstaader Luxushotel die Möglichkeit, sich für einen Tag in den Spa-Bereich einzukaufen. Am günstigsten ist es im nobelsten Hotel, dem Palace. Der Märchenprinz und Stammgast Michael Jackson fand das Schlösschen einst so schön, dass er es kaufen wollte. Die Familie, die das Hotel seit der Eröffnung führt, lehnte ab.

Ich bin genügsamer, löse am Empfang eine Spa-Tageskarte für rund 61 Euro (inklusive Wasser, Tee, Kaffee, Obst) und werde an François übergeben. Er spricht ausschließlich Französisch mit mir. Ich kann kein Französisch. Deshalb kapiere ich auch zuerst nicht, dass er darauf besteht, mir jede Türe aufzuhalten, um mich dann zuerst hindurchgehen zu lassen. Dabei weiß ich doch gar nicht, wo es langgeht. Also überholt François mich nach jeder Tür wieder. Auf diese Weise arbeiten wir uns immer tiefer ins Hotel hinein, entlang an goldfarbenen Wänden und über Treppen mit samtenen Handläufen, die sich kuscheliger anfühlen als der Pullover, den ich trage. Als die Spa-Mitarbeiterin mir meinen gefalteten Bademantel mit eingestickten Hotelinitialen vorführt, fühle ich mich wie ein Kleinkind, dem man sogar die Klamotten rauslegt.

Ich hatte gedacht, die Nacktheit in der Sauna würde uns gleich machen: die Reichen, die hier für eine Suite 2000 Euro die Nacht zahlen, und mich, der für diese Summe einen ganzen Monat im Mietcamper wohnen könnte. Stattdessen bin ich allein im Spa-Bereich, mal abgesehen von mehreren Wünsche-von-den-Lippen-Ablesern. Ja, ein Tee, das wäre toll. Danke. Ich soll einfach alles liegen und stehen lassen, was ich benutze, sagen sie. Also verbrauche ich während meines Aufenthalts einen halben Hausstand Geschirr und ein Dutzend Handtücher. Mir bleibt nicht mal die Möglichkeit, eines doppelt zu benutzen, weil es schon einer wegräumt, während ich etwa im körperwarmen Außenpool zu Panflötenmusik plansche. Anschließend ruhe ich mich im Kaminzimmer aus, bekomme noch mehr Tee und frisches Obst gebracht. Ich mache ein Nickerchen, lese die New York Times und tue so, als würde mich die Weltwirtschaft interessieren. Meine Aktie steigt wieder.

Zurück auf dem Campingplatz, klopfe ich mit neuem Mut bei den Nachbarn, die mir zum Fußballabend am nettesten abgesagt haben: Heidi und Peter, zwei Endsechziger aus der Westschweiz. Sie wohnen ganz vorne am Eingang, die erste Adresse am Platz, wenigstens aus ihrer Sicht. »Einen Wagen weiter hinten?«, sagt Heidi. »Unmöglich«, ergänzt Peter.

Es ist ihr sechster Winter in Gstaad. Dabei fahren sie nicht mal gerne Ski. Sie mögen vor allem die Sonne. Aber warum fliegen sie dann nicht nach Griechenland oder auf die Kanaren?

Sie wollten eine Ferienwohnung mit kurzer Anfahrtszeit an einem schönen Ort, sagen sie. Den Camper haben sie für ein paar Tausend Franken gekauft. «Das geht«, sagt Peter und reibt den Zeigefinger an der Innenseite seines Daumens. Selbst eine kleine Wohnung kostet in Gstaad schnell das Tausendfache. Der Camper ist ihr Kompromiss.

Am nächsten Tag kaufe ich, als bezahlbare Mitbringsel, Teemischungen in der Würzbar. Dort kann man mit Franken bezahlen – oder mit Bitcoins und anderen Kryptowährungen. Um mich etwas mit dem Wintersport zu versöhnen, leihe ich mir Schlittschuhe im Parkhotel und laufe so viele Runden auf der Eisfläche vor dem Gebäude, bis ich erschöpft bin.

An meinem letzten Abend begegne ich noch mal Heidis Mann Peter im Waschraum. Er putzt sich gerade die Zähne.

»Was machst du noch?«, fragt er mich.

»Ich gehe noch was trinken.«

»Ich ins Bett.«

»Okay, gute Nacht, Peter.«

»Dir auch, Niclas, dir auch.«

In diesem Moment kommt mir der Campingplatz vor wie eine große WG und Peter wie ein netter Mitbewohner, mit dem man kurz redet, bevor man im eigenen Zimmer verschwindet. Oder im Nachtleben.

Wenigstens einmal, finde ich nämlich, muss ich zum Après-Ski. Ich stelle mir vor, wie mir eine russische Milliardärserbin einen Drink spendiert, mir von ihren sechs Ex-Männern erzählt, die mit Stahl oder Immobilien reich geworden sind. Am Ende des Abends ziehe ich zu ihr ins Palace, und wir lassen uns jeden Tag im Spa die Handtücher hinterherräumen.

Das Problem an meinem Après-Ski-Plan: Seit meiner Schande auf dem Schlitten traue ich mich nicht in die Nähe einer Piste. Also muss ich im Ortskern von Gstaad auf die Suche gehen. Dort gibt es nur eine Bar, in der sie nach 22 Uhr noch nicht die Tische abwischen und die Stühle hochstellen.

Im Bro’s an der Flanierstraße schenkt der Chef Ahmed Bicik noch selbst aus. Es läuft Musik, im guten Sinne austauschbar. Von Milliarden-Erbinnen allerdings keine Spur. Nur ein paar rich kids aus dem Edelinternat Le Rosey (in dem der globale Geldadel den Nachwuchs parkt) bestellen Bier und Sandwiches.

Ich unterhalte mich daher mit Bicik, der erzählt, dass er seit zehn Jahren in Gstaad arbeite. Vor ein paar Monaten machte er sich selbstständig und eröffnete mit seinem Bruder Murat die Kneipe. »Ein Laden für die Normalen.« Die Skilehrer, Köche und Tellerwäscher, die Einheimischen. Am Ende des Abends gibt er mir den Tipp, meine Russin im Chesery zu suchen, dem einzigen Club im Dorfkern. Doch wie jeder gute Barkeeper hat es Ahmed Bicik geschafft, mich mehr abzufüllen, als ich es vorhatte. Wahrscheinlich würde ich schon beim Gejammer über Ehemann Nummer zwei einschlafen – und die Russin mir zur Strafe Champagner über den Kopf schütten.

Mit einem schönen Dusel im Kopf laufe ich zurück Richtung Campingplatz. An den Hängen ziehen Räumfahrzeuge die Pisten glatt. Am glitzernden Sternenhimmel – Wahnsinn! – eine Sternschnuppe. So ein betrunkenes Hirn ist halt kitschanfällig. Doch bevor ich mir was wünschen kann, rutsche ich aus und liege auf dem Weg im Schnee. Immerhin, denke ich, als ich mich benommen wieder aufrappele. Jetzt nehme ich wenigstens ein Souvenir mit nach Hause, das zu dieser Reise passt: einen blauen Fleck.

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