Whooohoooou (ZEIT ONLINE, Mai 2020)

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Reportage

Kann man im Europa Park, bei der Wiedereröffnung des größten deutschen Freizeitparks, die Pandemie vergessen? Also, wenigstens so ein bisschen?

Vielleicht ist das Vergnügen, wie alles im Leben, nur eine biochemische Reaktion des Körpers auf äußere Reize. Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Endorphin. Wie gut, dass man diese Stoffe provozieren kann. Für mich ist das Vergnügen in seiner reinsten Form, mit 130 Stundenkilometern eine Achterbahn runterzukacheln, sich ständig die Knie zu stoßen, weil die Sitze noch enger sind als in einem Ryanair-Flugzeug, aua. Links, rechts, auaaua nach vorne, oben, unten und zurück. Manchmal setzt das Hirn einfach aus. Wenn die Bahn langsam in die Station rollt, muss ich mit Gummiknien und zitternden Händen sehr lange durchatmen, weil ich während der Fahrt entweder durchgehend geschrien oder die Luft angehalten habe. Zum Schluss bestaune ich mich glücklich in der Fotostation der Bahn, abgelichtet mit sehr unglücklicher Gesichtsmechanik: So sehe ich also aus, wenn ich Spaß habe.

Die letzten Monate waren hart. Vieles war zu, eigentlich alles, was keinen Zweck hat, außer der harmlosen Freude zu dienen. Kinos, Spaßbäder, Museen. Vergnügungsparks.

Menschen, denen man die Lebensfreude wegnimmt, holen sie sich irgendwann zurück. Es gibt in Deutschland gerade eine Art angestaute Lebenslust, bei der keiner so richtig weiß, wohin damit. Man wehrt sich gegen das Bedürfnis nach Nähe, vollen Kneipen, Bars, Restaurants, Rockfestivals oder klassischen Konzerten, Fußballstadien oder Volksfesten. Wahrscheinlich ist ein Vergnügungspark, weitläufig und an der frischen Luft, der beste Ort für einen Tag unschuldigen Glücks.

Am besten natürlich im besten Vergnügungspark der Welt (laut Golden-Ticket-Award, dem Vergnügungsbranchen-Oscar): dem Europa-Park Rust im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Für einen Tag – zur Saisoneröffnung! – fahre ich dorthin, ins Freudenparadies, ganz allein, quasi als Belohnung für die Entbehrungen der letzten Monate. Wie leicht wird es sich anfühlen, mit Mundschutz in der Achterbahn zu sitzen? Kann man in diesem Park das Draußen vergessen?

Man hört den Park schon, bevor man ihn betritt. Auf dem Parkplatz dröhnen mir die hübsch verträumten Streicher und Fanfaren aus dem Main Entrance Theme entgegen, das einen sanft durch die Eingangskontrolle trägt. Alle eineinhalb Meter eine Familie mit durchschnittlich eineinhalb Kindern an der Hand – und wir alle ziehen noch mal die Masken zurecht und sehen mit unseren Segelohren sehr doof aus und sehr süß.

Drinnen gibt es die, die die Maske sofort vom Gesicht reißen, vielleicht nennt sie der ein oder andere im Geheimen sogar „Maulkorb“. Und es gibt die, die sie eisern auf der Nase behalten. Disziplin ist ja die urdeutsche Tugend! Ich versuche mich am Mittelweg, der Standardmodus an diesem Tag ist der Ohrhänger, bei dem die Maske an einem Ohr baumelt, um jederzeit bereit zu sein, sie aufzusetzen, aber immer noch den Mund frei zu lassen für Snacks, ein Bierchen oder eine Zigarette.

Die schwierigste Frage beim Besuch eines Vergnügungsparks: Was macht man als Erstes? Im Moment natürlich: Maske auf, Hände desinfizieren, als Mitarbeiter bekommt man sogar Fieber gemessen. Aber dann? In einem Vergnügungspark muss man sich treiben lassen, von Anfang an, auf keinen Fall darf man eine Route in einen Parkplan malen und ihr folgen! Von der ersten Attraktion muss man sich finden lassen. Sie darf nicht zu ambitioniert sein, denn dann kann man sich nicht steigern, aber auch nicht zu langweilig.

Das erste große unschuldige Vergnügen seit Monaten: Lange schlendere ich auf der Suche nach dem perfekten Einstieg durch den Europa-Park. Ich erwische mich sogar dabei, wie ich hinter dem Rücken mit mir selbst Händchen halte. Als wäre ich so ein niedlicher Kultur-Opa in der Caravaggio-Sonderausstellung. Immer wieder entscheide mich für und gegen die erste Attraktion. Was, wenn ich mich einen ganzen Tag nicht entscheiden kann? Erst mal in den Aussichtsturm, einen Überblick verschaffen.

Von oben sehe ich: 95 Hektar Park, reichlich Platz für Aerosole und Tröpfchen, sich zu verteilen, ohne Menschen zu befallen. 100 Attraktionen, davon 13 Achterbahnen, mehr als in jedem anderen europäischen Freizeitpark, aufgeteilt auf Themenwelten wie Deutschland, Frankreich, Spanien, und, wie hübsch, weiterhin Großbritannien. Es gibt drei Kirchen, darunter eine norwegische Stabkirche und eine deutsche evangelische Kapelle, in denen man heiraten kann.

Ich denke an die Bilder, die ich auf Instagram gesehen habe. Menschen, die wieder sorglos sind (und vielleicht ein bisschen unvernünftig): an den Münchener Isarauen, der Außenalster in Hamburg oder in Schlauchbooten auf der Spree – es treibt die Menschen zum Wasser. Also, Attraktion Nummer eins: die Wasserbahn Poseidon, deren Station ein griechischer Tempel ist, um den Plastikdelfine schwimmen.

„Und?“, drehe ich mich direkt nach der Abfahrt zu meinen fremden Mitfahrern um: „Wie nass seid ihr?“ Beide präsentieren stolz Flecken auf Shirt und Hose. Ich wringe demonstriert zwei, drei Haarsträhnen aus. Die beiden anerkennend: „Boah, sooo nass?! Wahnsinn!“ Hahaha, schönen Tag und schönes Leben noch. So spontan manchmal die Nähe zu Fremden entsteht, so schnell ist sie wieder weg.

Vor dem Saisonstart hatte der Europa-Park einen Corona-Etikette-Imagefilm herausgebracht. Weil Masken nicht mehr schützen, wenn sie nass sind, riet die angenehme Stimme im Video dazu, gleich mehrere Wechselmasken mitzunehmen.

Für den Rest gibt es Ganzkörperföhne. Einen Schnupfen kann in diesen Zeiten wirklich niemand gebrauchen. Ach ja, das unvermeidliche In-diesen-Zeiten – man kann diese Pandemie auch in einem Vergnügungspark nicht vergessen. Zu präsent sind die Tausenden gelben Abstandsmarkierungen auf dem Boden, die Aufkleber und Plakate, die mahnen: Abstand halten, Maske auf. Die Park-Betreiber haben vor der Eröffnung eigens Probefahrten gemacht, um zu testen: Überstehen handelsübliche Mund-Nase-Masken eine Achterbahnfahrt, ohne wegzuwehen? Diese Pandemie stellt Fragen, deren Antworten vorher niemanden interessiert haben.

Im Handelsblatt stand neulich eine herzzerreißende Anekdote über Roland Mack, den 70-jährigen Chef des Parks, der ihn von seinem Vater übernommen hat und eines Tages an seine Kinder weitergeben wird. Auf 100 Millionen Euro Umsatz musste Mack verzichten in den vergangenen zwei Monaten, weil der Park, das Riesenspaßbad daneben und die sechs Hotels des Ressorts (immerhin der größte Hotelkomplex Deutschlands) geschlossen blieben. Am Ostersonntag ging er mit seiner Frau durch den menschenleeren Park spazieren und sagte zu ihr: „280.000 Frühlingsblumen nur für uns“. Für die beiden war das bestimmt ein sehr romantischer Moment. Einerseits. Andererseits: Gibt es etwas Traurigeres auf der Welt als einen Vergnügungspark, den niemand benutzt?

Normalerweise kämen an einem hohen Feiertag wie heute – der Saisoneröffnung! – bis zu 50.000 Menschen. Heute, so wollen es die strengen Corona-Auflagen, dürfen nur 10.000 rein. So viele, wie sonst an einem verregneten Wochentag kommen. Warten muss man deshalb so gut wie nirgends, man läuft einfach durch, wo man sonst 30, 45 oder 90 Minuten anstünde. Als wären heute alle Gäste VIPs in der Priority Lane des Lebens.

Allein allein sein ist meistens okay, maximal ein wenig einsam. Allein unter Menschen sein, ist oft deprimierend. Immerhin: Im Europa-Park erfahre ich, allein wie ich bin, den ganzen Tag über eine Sonderbehandlung. Es gibt in Vergnügungsparks ein Wort für Menschen wie mich: Single-Rider. Im normalen Betrieb sind sie beliebt, weil man mit ihnen Einzelplätze in den Achterbahnen auffüllen kann. Aber, zumindest will ich das glauben, Mitarbeiter öffnen in der Corona-Krise ganz besonders ihre Herzen für uns Single-Rider.

Wenn ich auf die Frage „Wie viele Personen?“ ein bisschen traurig auf mich selbst zeige, darf ich fast immer ganz vorne in den Bahnen sitzen. Einmal stocke ich, überlege, einem Vater und seinem kleinen Sohn den Platz anzubieten. Doch scheucht mich der Einweiser, bevor ich vor mir selbst einknicke. Zum Glück darf ich da sitzen: Auf dem besten aller Plätze, ganz vorne! Wir fahren den Lift hoch, ich gewissermaßen als Achterbahn-Kapitän. Vor allen anderen sehe ich den Abgrund und warne sie, indem ich anfange zu schreien (auch wenn das durch eine Maske erstaunlich dumpf klingt). Der Wind, der ihnen durch die Haare weht, ist nur Second-Hand-Wind – zuerst hat er schließlich meine Frisur verwuschelt.

Ein Vergnügungspark ist so angelegt, dass man drinnen vergisst, dass es ein Draußen gibt: Walt Disney, der Godfather of Vergnügen, soll einst seinen Parkärzten sogar verboten haben, jemanden im Park für tot zu erklären, um die Illusion nicht zu stören, es wäre der glücklichste Ort der Welt.

Im Europa-Park gibt es keine Sackgassen. Davor steht immer eine Achterbahn oder wenigstens ein Stand mit quietschblauen Slushie-Phiolen. Niemals sieht man die Zäune, die Drinnen und Draußen trennen. Man denkt mal lieber nicht daran, dass sich ein Virus weder für Zäune noch Grenzen noch sonst irgendeine Beschränkung interessiert, die Menschen bauen, um sich abzukapseln. Lieber trickst man sein Hirn aus. Mit Slushie und Zuckerwatte.

Ganz schnell geht der Süßigkeitenrausch in dieses Gefühl eines bedingungslosen Alles-megageil-Findens über – eine biochemische Reaktion, ganz harmlos, ganz unschuldig. Ein Zustand, den man im Alltag da draußen meistens nur noch mittels Zuhilfenahme von Alkohol (oder nicht-ganz-legalen Substanzen) erreicht.

Im Europa-Park zum Beispiel kann man es übertrieben fantastisch finden, dass die Piratenbahn nach Schießpulver riecht oder man im Volatorium, einer Art multidimensionalem Kino, bei einer Wasserszene nassgespritzt wird.

Oder im Madame Freudenreichs Curiosités, einer sehr psychedelischen Dunkelfahrt, bei der man neonlichtbestrahlten Dinosauriern zusieht, wie sie Gartenarbeit machen, imkern, jonglieren lernen und Macarons backen. Ein kompletter Rückzug ins private Glück. Da unterscheiden sich im Corona-Frühsommer 2020 die Animatronics-Dinosaurier nicht allzu sehr von den Menschen da draußen.

Oder in der Geisterbahn, in der die italienische Superreichenfamilie Medici zu Kannibalen wird und ich durch eine extrem gruselige Gruselstimme erfahre, dass ich als Haaaaahaaauuptgeeericht vorgeeeseeeeehen biiihiiin.

Aber wie gruselig kann die Illusion von Horror sein, wenn vor den Toren des Parks der echte Horror ist, ein Virus, das – Stand heute – 362.705 Menschen getötet hat? Es sind Moment wie diese, in denen das Draußen ins Innere eindringt, wie ein Virus in einen Organismus: Da draußen sterben Menschen und du lachst dir hier einen ab, weil der kannibalistische Hausarzt der Geisterbahn-Medici „Dr. Botox“ heißt. Was ist denn, wenn du das Virus in dir trägst und es gerade im Park verteilst? Angst – auch so eine biochemische Reaktion.

Achtet man darauf, mehren sich solche Momente, die die Leichtigkeit beschweren. Ich traue mich heute nicht auf Attraktionen, die sich allzu sehr um die eigene Achse drehen: Was wäre, wenn mir unter der Maske schlecht würde, so richtig übel, bis der Speichel sauer wird und dann…

Auch blöd: Dass bei aller parkumspannenden Weltflucht die Zeit trotzdem nach den Regeln von draußen vergeht. Es ist später Nachmittag. Fair wäre es, wenn die Zeit in einem Vergnügungspark, sagen wir, halb so schnell vergeht wie draußen. Und heute ist sogar noch weniger Zeit als sonst! Normalerweise macht der Park erst zu, wenn keine Leute mehr drin sind. Vergnügensgleitzeit, wenn man so will. Heute müssen die Attraktionen um Punkt 18.00 Uhr schließen. Corona-Sperrzeit. Dann hat das Virus nämlich Feierabend und geht nach Hause zu seiner Viren-Familie und beschwert sich darüber, wie schwer es ihm die Menschen neuerdings machen, sie zu infizieren, seit sie Abstand halten und Masken tragen. Die Menschen im Europa-Park, das kann man nach einem Tag vor Ort sagen, halten sich nämlich daran, keiner mosert, keiner meckert, alle niesen brav in die Armbeuge. Langsam versteht man, wie dieses „Leben mit dem Virus“ aussehen könnte.

Die Zeit, die verfluchte Zeit, die man in einem Vergnügungspark hat, reicht nie, um alles zu machen. Amateure fahren deshalb panisch die beste Achterbahn zuerst. Profis sparen sie sich auf, bis ganz zum Schluss. Denn wenn eines schöner ist als die Freude selbst, dann ist es die Vorfreude. Sie beginnt schon damit, wenn man am Boden eine Achterbahn hoch oben bewundert, zum Beispiel die Holzachterbahn Wodan, 40 Meter hoch, bestehend aus 21.000 Kieferbalken und zusammengehalten von 1,6 Millionen Nägeln.

Vorfreude und Abstandsregeln sind eine schwierige Kombination. Man drängt, man will, man hat unbändigen Bock auf diese Bahn. Vor Corona trat man Leuten in die Hacken und musste sich umständlich entschuldigen. Jetzt kommt man ihnen einfach nur zu nahe und bekommt Ärger vom Personal. Heyheyhey, Abstand! Heyheyhey, Maske!

Mein Wagen rollt in die Station, die Leute steigen aus. Dieser kurze, erhebende Moment, in dem der leere Wagen bereitsteht, aber das Tor noch geschlossen ist – der dauert jetzt länger, weil die Mitarbeiter die Wagen nach jeder Fahrt desinfizieren. Die Polster, die Bügel, die Festhaltestange. Das Warten multipliziert die Vorfreude: Das Hochfahren der Bahn gleich wird sich anfühlen wie die Schritte, die man in einer Bar auf jemanden zu macht, um sie oder ihn anzusprechen. Also, damals, als Bars noch geöffnet waren. Erhöhter Puls, Herzklopfen, trockener Mund. Eine biochemische Reaktion.

Vielleicht ist das momentan der einzige Weg, in einer Zeit, die wirklich unerfreulich ist: Nicht dran denken. Ablenken. An das Steinzeitgehirn appellieren, um eine Zivilisationskrankheit zu vergessen. Wenigstens für einen Tag.

Das beste Erlebnis, der perfekte Rausschmeißer ist das leichte Nicken des Wodan-Wageneinteilers. Er erkennt mich als Single-Rider und zeigt mir an: erste Reihe. Die Bahn rasselt nach oben, kurz vor dem Abgrund bleibt sie kurz stehen und das Hirn flutet den Körper mit dieser geilen Mischung aus Glück und Angst, die den Namen Vergnügen trägt.

 

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