Unter Hooligans (DER SPIEGEL, Dezember 2019)

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Reportage

Verdeckte Ermittler spüren für Fußball-Verbände Neonazis und Sexisten hinterher. Eine Nacht unterwegs mit ihnen – in der berüchtigten Nordkurve des Mailänder San Siro. 

Der Mann, der dafür sorgt, dass Fußballvereine bestraft werden, wenn ihre Anhänger rassistische Lieder singen, sitzt in einem Mailänder Hotelzimmer und wartet auf seinen nächsten Einsatz.

Er nennt sich Alfredo, ist dürr und klein, Anfang vierzig, komplett in Schwarz gekleidet. Jemand, den man auf der Straße übersehen würde und dessen echten Namen man nicht nennen darf. Denn er sorgt sich um seine Sicherheit, sollten bestimmte Personen herausbekommen, wer dahintersteckt, dass sie Stadionverbot bekommen haben oder ihr Lieblingsverein ein Spiel vor leeren Rängen austragen muss – eine der höchsten Strafen, die ein Verband aussprechen kann.

Alfredo erzählt von einem Treffer, den er in diesem Herbst erzielt hat: 20 000 Euro Geldstrafe musste Lazio Rom zahlen, eigentlich »lachhaft wenig«, findet er. Besser gefiel ihm da schon, dass zusätzlich ein Großteil der Ränge des Olympiastadions in Rom für ein Europa-League-Heimspiel geschlossen wurde. Denn er hatte dokumentiert, wie Lazio-Anhänger den Hitlergruß zeigten.

Der europäische Fußballverband Uefa verhängt solche Strafen, weil es Menschen wie Alfredo gibt, die sich mit Notizblock, Diktiergerät und Kamera unerkannt zwischen Fans mischen und Berichte schreiben: über sexistische, homophobe oder rassistische Zwischenfälle, bei denen die TV-Kameras wegschwenken. Kein Verein will, dass solche Szenen öffentlich werden. Alfredo ist einer von weltweit 300 ehrenamtlichen Beobachtern für das Netzwerk FARE. Im Auftrag der kontinentalen Verbände sammeln sie Beweise im Stadion, mit deren Hilfe die Funktionäre gegen Vereine ermitteln können.

Das Netzwerk, finanziert unter anderem von Spenden, von der Uefa und der EU, bezahlt Alfredo die Reisen. Ein Honorar bekommt er nicht. Zwar besucht er die größten Stadien Europas, aber man dürfe sich das nicht spannend vorstellen, sagt er. »Es ist harte Arbeit.«

Neben Alfredo im Mailänder Hotelzimmer sitzt Pavel Klymenko, 31. Er hat Alfredo in einem zweitägigen Kurs beigebracht, worauf der im Stadion achten soll, wenn er ihn zu einem Einsatz schickt. Alfredo hat Alkoholverbot. Er darf keine Kleidung tragen, die ihn als Anhänger eines Vereins oder einer politischen Gesinnung erkennbar werden lässt. Alfredo, darauf läuft das gesamte Training hinaus, soll unsichtbar werden.

Klymenko koordiniert das Netzwerk der Spielbeobachter, er schickt sie zu Spielen der Europa League und Champions League. Nur selten nach Deutschland, dort gibt es kaum Spiele, bei denen sie rassistische Zwischenfälle vermuten. Oft sendet Klymenko sie nach Polen, Serbien oder Italien, zu Vereinen wie Inter Mailand oder Lazio Rom, wo Rassismus im Stadion für viele zur Fankultur gehört.

An diesem Abend in Mailand bleiben Alfredo und Klymenko noch zwei Stunden bis zum Anpfiff. Champions League, Inter gegen Borussia Dortmund unter Flutlicht im San-Siro-Stadion. Ein Stadion, in dem die schöne und die hässliche Seite des Fußballs nebeneinander existieren: Leidenschaft und Rassismus. Echte Liebe und echter Hass. Die eine Seite beschützen, die andere bekämpfen, dafür sind Alfredo und Klymenko nach Mailand gereist.

San Siro ist ein Monument, Tausende Spiele fanden hier statt. Eine Arena mit einer reichen Geschichte. Und einer rechten. Die Curva Nord, in der sich die härtesten Inter-Anhänger sammeln, ist eine der lautesten Kurven Europas. Berühmt für aufwendige Choreografien. Berüchtigt für die offen faschistische Haltung der tonangebenden Ultragruppen BOYS S. A. N. oder der Irriducibili, der »Unverbesserlichen«.

Als die Dortmunder Spieler den Platz betreten, pfeifen 60 000 Inter-Fans sie aus. Hunderte Mittelfinger recken sie Mats Hummels und Jadon Sancho entgegen. Ihre eigenen Spieler begrüßen die Inter-Fans wie Volkshelden. Besonders Romelu Lukaku, von dem sie hoffen, dass er sie in eine erfolgreiche Zukunft schießt – und dem sie trotzdem mit einem Menschenbild aus dunkler Vergangenheit begegnen.

Es war Anfang September, Inter Mailand zu Gast in Cagliari, als Lukaku zu einem Elfmeter antrat. »Uh-uh-uh«, schallte es aus der Kurve der Cagliari-Fans. Affenlaute. Lukaku traf trotzdem. Nach dem Spiel veröffentlichte er über Facebook, Twitter und Instagram einen Appell gegen Rassismus im Stadion.

Inter-Fans verhöhnten ihn dafür in einem offenen Brief. Lukaku, schrieben sie, solle aufhören, Ultras zu attackieren. Auch in der Curva Nord in Mailand seien Affenlaute üblich. Die werde es auch in Zukunft geben, es handle sich dabei nicht um echten Rassismus, schrieben sie. Man wolle nur gegnerische Spieler verunsichern. Weiße Fußballfans erklärten einem schwarzen Spieler, was Rassismus ist und was nicht. Ihre Rechtfertigung: Das Stadion habe seine eigenen Regeln. Ihre Regeln.

»Das ist die surreale Parallelwelt der Ultrarhetorik«, sagt FARE-Koordinator Klymenko. Wegen dieses Vorfalls und des offenen Briefs der Curva Nord hat Klymenko entschieden, die Begegnung an diesem Abend als »Hochrisikospiel« zu klassifizieren und zu beobachten, so wie gut tausend Begegnungen vorher.

Inter Mailand weiß nicht, dass Klymenko und Alfredo im Stadion sind, nur ein Mitarbeiter der Uefa. Dort, in direkter Nähe zur Curva Nord, werden sie nah genug dran sein, um rassistische Gesänge aufzuzeichnen, aber weit genug weg, um sich selbst nicht zu gefährden. Alfredo ist mit einer leistungsstarken Kamera ausgerüstet, mit der er auch über 100 Meter noch einzelne Gruppen identifizieren kann.

Alfredo sagt, er sei jedes Mal »sehr besorgt«, bevor er ins Stadion gehe. Es sei ein Dilemma – je erfolgreicher FAREBeobachter arbeiteten, desto gefährlicher lebten sie. Je mehr Strafen ihre Berichte aus heimlichen Einsätzen nach sich ziehen, desto mehr werden sie zu Feinden. Einem FARE-Mitarbeiter in Kroatien besprühten Neonazis das Haus mit Keltenkreuzen, Symbolen aus der rechtsextremen Szene. In Polen jagten Rechte eine Beobachterin durchs Stadion, ehe sie sich knapp in Sicherheit bringen konnte.

Von Klymenko kursierten Fotos in rechten Netzwerken, als er noch in der Ukraine lebte. Monatelang habe er den öffentlichen Nahverkehr gemieden, sich nur wenige Blocks von seinem Zuhause entfernt bewegt, erzählt er. Nach den Wirren der Maidan-Revolution verließ er das Land. Er zog mit seiner Familie nach Wien, wo wenige Menschen sein Gesicht kennen.

Die Gefahr und die Einschüchterungen sind die eine Seite dieser Arbeit. Die andere Seite sind die Erfolge, die Klymenko und Alfredo motivieren, die Geldstrafen für Vereine, die Spiele ohne Publikum, die Tatsache, dass rechte Fans wegen FARE aufpassen müssen, wie sie sich aufführen. »Sie haben das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie haben Angst vor uns«, sagt Klymenko über die Rechten im Stadion. Er sagt, er wisse das, weil er und seine Mitstreiter deren Foren und Chatgruppen infiltriert haben.

Dort haben die Problemhools inzwischen aufgehört, sich mit martialischen Parolen und Gruppenfotos mit rechtsextremen Symbolen gegenseitig aufzuputschen, weil sie sich damit selbst überführen.

Dennoch, sagt Klymenko, wird er mit seiner Arbeit wohl niemanden davon abbringen, wie ein Rassist zu denken. »Wir beeinflussen Verhaltensweisen.« Das sei ein Anfang. Je weniger rassistische Gesänge der älteren Hools im Stadion zu hören seien, desto weniger würden jüngere Zuschauer sie reproduzieren. »Anders als früher gilt es heute im Stadion nicht mehr als normal, schwarzen Spielern Affenlaute entgegenzubrüllen oder Fahnen mit Hakenkreuzen zu schwenken«, sagt er.

Im Spiel gegen Dortmund wedeln Anhänger aus der Curva Nord mit einer Flagge zu Ehren von »Diabolik«, bürgerlicher Name: Fabrizio Piscitelli. Er war Anführer rechtsextremer Anhänger von Lazio Rom, ehe er in diesem Sommer tot auf einer Parkbank gefunden wurde, mit einer Kugel im Kopf. Wenn es einen von ihnen trifft, sagt Klymenko, rücken die rechtsextremen Fans zusammen, unabhängig von den Vereinsfarben.

Vor dem Bierstand im Oberrang ist es eng, Klymenko spricht leise, eine Solidaritätsbekundung mit jemandem wie Diabolik reiche nicht aus, um einen Verein zu sanktionieren. Überhaupt, die Arbeit werde schwieriger. Immer weniger Rechtsradikale würden noch Hakenkreuze hissen oder offen fordern, die gegnerische Mannschaft zu vergasen. Stattdessen tarnten sie sich mit Codes, wenn sie Hass verbreiteten. So könnten sie sich immer wieder darauf zurückziehen, falsch verstanden worden zu sein. Im Frühjahr, als Alfredo das Römer Stadtderby besuchte, fiel ihm auf dem Weg zum Stadion ein Banner auf: »Laziale Mahmood«. Lazio-Fans sind Mahmoods.

Mahmood ist der Name eines italienischen Popsängers. Über ihn ätzte die italienische Rechte, allen voran Lega-Chef Matteo Salvini, als der Sänger mit ägyptischen Wurzeln einen nationalen Songcontest gewann. »Postmoderne Diskriminierung« nennt Alfredo das, wenn Fußballfans Hass verbreiten und sich nur noch schwer bestrafen lassen.

Nach dem Spiel treffen sich Klymenko und Alfredo vor dem Stadion wieder. Im Hotel wird Alfredo noch seinen Bericht an den Mitarbeiter der Uefa schreiben. Heute hat er nichts Gravierendes zu berichten. Morgen Abend wird er in Rom sein. Der nächste Einsatz wartet.

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