Das blaue Wunder (DER TAGESSPIEGEL, Februar 2019)

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Reportage

Hanno Voigt ist seit dreißig Jahren querschnittgelähmt. Dank zweier Forscher lernt er nun etwas, was Mediziner auf der ganzen Welt lange für unmöglich hielten: Schwimmen – und zwar mit seinen eigenen Beinen.

Bevor in der Schwimmhalle des Berliner Unfallkrankenhauses etwas geschieht, von dem Mediziner auf der ganzen Welt lange sagten, es sei unmöglich, drückt sich Hanno Voigt aus seinem Rollstuhl. Er schließt die Augen, greift noch einmal nach, wuchtet sich in den Plastikstuhl eines Patientenlifts, der ihn gleich vom Beckenrand über die Wasseroberfläche heben wird.

Die Sonne strahlt durch die bodentiefen Fenster hinein. Aus der Bademeisterkabine beobachten Quietscheentchen, wie Voigt, 57, in seinem Stuhl sitzt und Constantin Wiesener, ein Elektroingenieur, der an der Technischen Universität Berlin forscht, ihm je zwei Elektroden auf die Oberschenkel drückt und noch eine auf den Rücken, auf die Wirbelsäule.

Er klebt wasserfeste Pflaster aus der Apotheke darüber, nimmt aus einer Tasche ein paar Kabel und verdrahtet Voigt. Der will noch kurz ein T-Shirt überstreifen: „Ich seh’ sonst so bedrohlich aus“, sagt er. „Wie ein Cyborg.“

Wiesener, der Forscher, und Voigt, der Gelähmte, treffen sich in dieser Schwimmhalle, weil sie zeigen wollen, dass sie Beine wieder bewegen können, die jahrzehntelang unbeweglich waren.

Eine Querschnittlähmung, wie sie Hanno Voigt hat, resultiert oft aus einer Rückenmarksverletzung nach einem Bruch in der Wirbelsäule. Es reicht ein Knochensplitter, der sich ins Mark bohrt, um die Verbindung des Gehirns zum darunter liegenden Teil des Körpers zu stören – oder komplett zu trennen.

Das Nicht-mehr-laufen-Können ist eine Folge davon. Muskeln veröden, der Körper baut die Knochen zurück. Das Lymphsystem funktioniert nicht mehr gut, das Immunsystem schwächelt. Eine oft nur millimetergroße Schädigung im Rückenmark lädiert den ganzen Körper.

Er war Motorrad gefahren. Zu schnell

Mehr als 80 000 Menschen in Deutschland haben eine Querschnittlähmung.Lange galt so eine Verletzung als irreparabel. Erzählten Ärzte den Menschen noch am Krankenbett: Finden Sie sich damit ab, so schnell es geht. Dann kommen Sie besser klar im Leben.

Auch Hanno Voigt hat solche Sätze gehört. Damals, es war 1981 und er 20, hatte er auf einem Motorrad gesessen und war zu schnell in eine Kurve gefahren: Leitplanke, Kompressionsfraktur in der Wirbelsäule, Not-OP. Von diesem Tag an war eine Schranke zwischen Voigts Gehirn und seinem Körper: Er wollte die Beine bewegen, es ging nicht mehr.

Seit wenigen Jahren hat Hoffnung die Forschergemeinde erfasst. Weltweit arbeitet sie mit Hightech und neuen medizinischen Erkenntnissen daran, Menschen das Gefühl für ihre Körper zurückzugeben, das sie verloren hatten.So wie die wenigsten Blinden wirklich ein schwarzes Nichts sehen, sind die wenigsten Gelähmten wirklich bewegungsunfähig. Und wie Forscher versuchen, Blinden das Sehen wieder zu ermöglichen, arbeiten sie daran, Gelähmten ihren Körper zurückzugeben. Sie alle, Forscher und Betroffene, treibt eine Hoffnung an, die abstrahlt bis in diese Schwimmhalle in Marzahn-Hellersdorf.

Forscher Wiesener, 36 Jahre alt, groß und schlaksig, in Badehose und Latschen, legt seinem Probanden Voigt einen transparenten Beutel quer über den Oberkörper. Darin ist ein Stimulator, der Stromstöße in Voigts Muskeln schicken und sie so bewegen wird.

Er prüft noch mal die Dichtungen, er blickt Voigt kurz in die Augen. Drückt einen Knopf, der Stimulator in der Brusttasche ist jetzt aktiviert, Strom fließt, reizt Nerven, die aus Voigts Wirbelkanal austreten. Voigt sagt, er spüre das als ein „wohliges Kribbeln“. Und tatsächlich – seine Beine, dürr geworden nach Jahrzehnten im Rollstuhl, baumeln vor und zurück.

Wie auf Heroin

Wiesener stemmt sich gegen den Metallarm, an dem der Stuhl befestigt ist, drückt einen Knopf, die Hydraulik senkt Voigt ab. Das Wasser umspült seine Zehen, die Knöchel, die Knie. Als es seinen Bauch erreicht, stößt sich Voigt vom Stuhl.

In diesem Moment, sagt Voigt, denke er manchmal an Heroin. Nicht, dass er jemals welches genommen habe, aber dieser Moment, dazusitzen mit der Spritze in der Hand und sich auf das „Wow“ zu freuen, wie er es nennt, was gleich kommt – so sei das, wenn er da verkabelt auf diesem Plastikstuhl wartet, um mit seinen eigenen Beinen zu schwimmen.

Im Becken rollt er sich auf den Bauch – und jetzt passiert etwas, was der Dritte hier in der Schwimmhalle, Wieseners Forschungs- und TU-Kollege Thomas Schauer, so beschreibt: Der „defekte Regelkreis“ eines querschnittgelähmten Menschen wird wieder funktionsfähig. Befehle, und damit elektrische Impulse, die das Gehirn bei Unverletzten über die Nervenbahnen an die Beinmuskulatur sendet, gibt nun der Stimulator. Die Informationen wiederum, die das Gehirn Gesunder auf dem umgekehrten Weg aus dem Körper erhält – um dann darauf reagieren zu können –, erhebt und verarbeitet ein Sensor. Voigt schwimmt die erste Bahn.

Der Sensor, den er um den Hals trägt, erkennt, wie sehr Voigt seinen Oberkörper beim Kraulen auf welche Seite rollt: Dreht er die Schulter mit dem rechten Arm nach vorn, stimuliert das System den Kniestreckermuskel im linken Bein und andersherum. Der Stromfluss zwischen der Elektrode am Rücken und zwei weiteren am Bauch bewirkt, dass sich die Rumpfmuskulatur versteift und damit Voigts Lage im Wasser verbessert.

Wiesener, mittlerweile ebenfalls im Wasser, will beobachten, ob die Erfindung funktioniert. Mit einer GoPro, einer wasserfesten Sportkamera, filmt er Voigt. In den vergangenen Monaten ist Hanno Voigt insgesamt zwölf Mal mit Wiesener geschwommen. Gemeinsam mit einem zweiten Probanden ist Voigt die Grundlage für Wieseners Promotion.

Die Kollegen waren skeptisch

Wiesener sieht sich den Clip auf der GoPro an, schwimmt zum Beckenrand. Kurzes Abstimmen mit Schauer, Elektrotechniker wie er und sein Promotionsbetreuer. Schauer, 44, steht im gebügelten Hemd da, während Wiesener auf den Beckengrund taucht, weil er gerade Lust dazu hat.

Schauer erzählt, dass sie mit „StimSwim“, so nennen sie das System, bei Kollegen zunächst auf Skepsis gestoßen seien. Und auch bei sich selbst: „Warum ist da noch keiner drauf gekommen? Warum macht das keiner?“ Schauer sagt: „Als wir StimSwim zum ersten Mal auf Konferenzen vorgestellt haben, dachten die, wir wollen sie veralbern.“ Wasser plus Elektrizität, ganz miese Idee, dachten viele. Wohl auch deshalb, vermuten die beiden Forscher, habe ihren Ansatz, von dem Schauer sagt, „technologisch ist der nicht aufwendig“, vorher noch niemand ausprobiert.

Dichtungen sorgen dafür, dass die Elektroden trocken bleiben, zwischen denen der Strom durch Voigts Oberschenkel und Rumpf fließt. Aber selbst wenn Wasser eindringt, zustoßen würde Voigt oder Wiesener nichts. Der Strom flösse weiter nur zwischen den Elektroden, nur eben an Voigts Körper vorbei, durchs Wasser.

Es gibt drei Denkschulen, die sich damit beschäftigen, Gelähmte wieder zu bewegen. Eine versucht es mit Implantaten, die in die Wirbelsäule eingesetzt werden. Eine setzt embryonale Stammzellen in die beschädigte Stelle – in der Hoffnung, sie würden sich in neue Nervenzellen verwandeln. Und es gibt die Funktionelle Elektrostimulation, kurz FES, mit der Schauer und Wiesener arbeiten.

Voigt sagt, wenn eines Tages die Ansätze aus Elektrostimulation, Stammzellen und Implantaten kombiniert würden, könnte es wirklich klappen: dass Gelähmte ihre Beine in allen Lebenslagen wieder benutzen können. Ob er das erleben wird, weiß er nicht. Die Forschung stehe erst am Anfang.

Gehen wäre zu komplex – noch

In Berlin begann sie 2014, Wiesener und Schauer suchten einen Probanden. Sie glaubten, dass es möglich sein müsste, die Muskeln von Querschnittgelähmten so zu stimulieren, dass ein einfacher Bewegungsablauf entsteht. Gehen wäre zu komplex, Springen sowieso. Aber Fahren in einem Gefährt, das einen Rollstuhl mit einem Liegerad kombiniert – das müsste gehen.

Denn, erstens, braucht man zum Radfahren nur wenige Muskelgruppen im Oberschenkel. Zweitens: Selbst wenn es nicht gelingt, einen perfekt abgestimmten Bewegungsablauf zu erzeugen – würde man die Füße an den Pedalen befestigten, müsste dennoch jeder noch so unkoordinierte Tritt dafür sorgen, dass sich das Gefährt fortbewegt.

Der Chefarzt des Behandlungszentrums für Rückenmarkverletzte im Unfallkrankenhaus Berlin schlug den Forschern einen seiner Patienten vor: Hanno Voigt. Als der davon hörte, konnte er es nicht glauben. Er hatte, nach seinem Unfall, die Worte seiner Ärzte akzeptiert. Er hatte sich damit abgefunden. Er hatte eine Familie gegründet, er war glücklich.

Als er Wiesener und Schauer kennenlernte, zweifelte er. Als sie ihm erzählten, er sei gut geeignet, weil bei ihm zwischen dem 11. und 12. Wirbel noch ein Rest von Nervenbahnen mit Strom ansteuerbar sei, blieb er skeptisch. Nach den ersten Sitzungen dachte Voigt sogar daran, den Versuch abzubrechen. Er schaffte nur unvollständige Umdrehungen in ihrem Liegerad. „Meine Muskeln waren noch nicht wach“, sagt er.

Aber eines Tages sah Voigt, wie seine Beine in die Pedale traten, stimuliert durch Strom. Den ersten Metern folgten die ersten hundert. Der erste Kilometer. „Ich will nicht sagen, das war so schön wie die Geburt meiner Kinder, aber es kam schon verdammt nah dran.“

Einmal fuhr Voigt durch das Brandenburger Tor, die Straße des 17. Juni hoch und runter. Er sagt, das Schönste daran war, dass er für die Passanten ausgesehen haben muss wie ein normaler Liegeradfahrer. Zum ersten Mal seit seinem Unfall bewegte er sich in der Öffentlichkeit, ohne dass er sofort als Mensch mit einer Lähmung auffiel.

Die Do-it-yourself-Lösung: Eine Sensation

In Zürich fand ein paar Monate nach Voigts erstem Tag auf dem Liegerad ein Event statt, das sich „Cybathlon“ nennt. Wiesener und Schauer hatten ihn angemeldet. Menschen mit einer Behinderung treten dort in verschiedenen Disziplinen an. Vollständig gelähmte Menschen lenken per Hirnimpulsen einen Avatar durch einen virtuellen Hindernisparcours, querschnittgelähmte Menschen laufen dank Exoskeletten – Stützgerüsten, die Bewegungen verstärken – um die Wette.

Voigt hat ein Video davon auf dem Smartphone: Es zeigt ihn in der Züricher Swiss Arena am 8. Oktober 2016 vor 4500 Zuschauern, ausverkauft. Voigt, im Liegerad neben einer Sportlerin aus Südkorea, schließt die Augen, atmet tief durch. In der Kurve hat jemand eine Zaunfahne angebracht: „Go Hanno“. Der Startschuss.

Das Video zeigt, wie Voigt das Rennen gewinnt, er winkt überglücklich in Richtung der Zaunfahne, Constantin Wiesener kommt angerannt, um mit ihm abzuklatschen. Am Ende des Wettkampfs werden sie Vierter – eine Sensation. Immerhin tritt Voigt im Do-it-yourself-Liegerad aus Billigbauteilen gegen Profisportler an, von denen die meisten erst wenige Monate oder Jahre im Rollstuhl sitzen.

Nach einer weiteren geschwommenen Bahn schlägt Hanno Voigt mit der Hand am Beckenrand an. Das Chlor im Wasser hat seine Augen gerötet, er atmet schwer. Auf seiner Apple Watch checkt er Puls und Zeiten. Er ist unzufrieden, zu langsam, findet er.

Wiesener justiert den Stimulator, vielleicht liegt es daran. Tastet blind unter dem T-Shirt herum. Der Stimulator stößt jetzt 100 Milliampere Strom in die Muskeln. „Nichtgelähmte schreien schon bei 40“, sagt Wiesener. Voigt schwimmt noch eine Bahn.

Aber warum nun ausgerechnet Schwimmen?

Er ist Schumacher. Die Forscher sind sein Team

Im Wasser, sagt Voigt, können Gelähmte Höhenunterschiede überwinden, die sie im Alltag blockieren. Der Körper wird leicht und die Behinderung weniger offensichtlich. Schwerelos und frei im Wasser, ohne Rollstuhl, Krücken oder Pfleger. Allein mit dem eigenen Körper.

Vor seinem Unfall machte Voigt in der DDR eine Ausbildung zum Schlosser im Bergbau. Keine sonderlich freundliche Umgebung für ihn als Rollstuhlfahrer. Also wurde er Informatiker, stanzte Lochkarten und steckte sie in Computer. Nach der Wende bereiste er die Welt und fand darin ein neues Hobby: Tauchen.

Die Forscher sagen über Voigt, er sei „sein eigener Ideenmanager“: Er komme mit Wünschen auf sie zu, die er gern erfüllt hätte. Hanno Voigt sagt über die Beziehung zwischen ihm und den Forschern: „Das ist wie bei Ferrari damals: Ich bin Michael Schumacher, der Pilot. Und die beiden sind mein Team.“

Nach dem Cybathlon in Zürich ist Voigt zum Great Barrier Reef gereist. Er hatte eine Pressluftflasche auf dem Rücken, eine Taucherbrille auf der Nase, so wie alle anderen auch. Doch glitten die sanft durchs Wasser, kamen ohne Mühe voran und in die Tiefe. Er verjagte die Tiere mit seinem Gestrampel, so empfang er das. Also meldete er sich wieder bei Wiesener und Schauer.

Voigt sagte zu ihnen: Ich will mit meinen Beinen schwimmen. Nennt mir einen Grund, warum das nicht gehen soll. Das konnten die Forscher nicht.

Ein Davor und ein Danach

Normalerweise hält Hanno Voigt bei den Einheiten im Schwimmbad des Unfallkrankenhauses Berlin mindestens 30 Minuten durch, ehe er müde ist. Manchmal schwimmt er eine ganze Stunde. An diesem Tag ist er schon nach wenigen Bahnen platt. Kurze Unterhaltung am Beckenrand zwischen Proband und Forscher, und das Problem ist gefunden. Wiesener hat Voigt verkehrt herum verkabelt: das linke Bein war mit dem linken Arm synchronisiert und andersherum. Statt bei jedem Schlag schneller zu werden, geriet er jedesmal mehr in eine Schieflage.

Am Ende liegt Voigt im Wasser auf dem Rücken, er schwebt fast auf der Oberfläche und hat die Arme ausgestreckt. Wiesener lässt den Hebestuhl hinab ins Wasser.

Voigt weiß, „nicht jeder Rollstuhlfahrer träumt jede Nacht davon, wieder laufen zu können“. Wem das einmal passiert, sagt er – dass ein Unfall das Leben in ein Davor und ein Danach teilt –, der müsse für sich selbst entscheiden, ob er mit Hilfe der Technik und der Medizin noch einmal sein Leben auf den Kopf stellen will.

Als Voigt umgezogen aus der Kabine kommt, trägt er ein T-Shirt, darauf steht: „The Ocean is calling“. Bald will er nach Ägypten, ans Rote Meer. Zum Tauchen.

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